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24.12.2011

 

„Sie wollen“, sagte der Kollege, der mitten im Geschäftsleben steht, „doch hoffentlich nichts über Weihnachten schreiben?“

Das ist doch zu einem Fest der Habgier geworden. Eine rein materielle Angelegenheit, da können Sie sich doch nur die Finger verbrennen.“

„ Ich verstehe nicht, wie Sie so etwas sagen können“, sagte die Frau, die ihm gegenüber saß. „ Warum sollte nicht einer seine Stimme erheben und bekennen: Ich feiere Weihnachten. Wenn alles so trostlos weiterläuft, verschwindet doch Weihnachten langsam, aber sicher aus unserem Leben. Unsere Kinder sind Weihnachten sowieso auf Teneriffa. Sie verstehen: Bikini statt Weihnachtsmann. Für sie ist dieses Fest doch nur ein Kurzurlaub. Mehr nicht!

Und während so debattiert, reflektiert und interpretiert wurde, während man das Fest wie einen Patienten untersuchte, als gelte es, einen Befund sicherzustellen, dachte ich:

 

Und morgen werden sie doch alle unter dem Lichterbaum im Widerschein der Kerzen nach Bildern ihrer eigenen Kindheit suchen!

Sie werden auf ein Zeichen warten! Sie werden das Lied von der „Stillen Nacht“ nicht mehr singen, schon gar nicht die zweite oder dritte Strophe. Aber sie werden das Lied noch hören wollen, im Radio oder im Fernsehen. Vielleicht werden sie auch auf die Botschaft dieser Nacht warten, denn sie sind alle hilflos inmitten einer immer schwierigeren Welt. Sie brauchen den Schutz, den das Ritual bildet, weil nur in ihm noch möglich ist, sich unbelächelt, gleichsam legal, zum Gefühl der Freude, der Liebe, der Dankbarkeit zu bekennen.

Denn um uns herum ist es kühler geworden. Und alles geht so unheimlich schnell. Auch Weihnachten vergeht im jagenden Tempo der Zeit. Eine Kerzenlänge Gefühl- und wir sind durch! Dann können wir das Visier wieder herunterklappen: Bloß nicht zeigen, dass wir in der uns immer mehr bedrängenden Frage nach dem Sinn unserer Existenz um Antworten so verlegen sind.

 

Dabei ist nicht die Frage, was wir von Weihnachten halten, die entscheidende Frage. Die Sache läuft genau anders herum:

Weihnachten kommt hoch von oben zu uns herunter und fragt uns, wie wir es mit der einzigartigen Möglichkeit halten, in diesen festlichen Stunden über unser Verhältnis zum Leben, zu Gott, zu den anderen um uns herum nachzudenken.

 

Weil wir es, die Kinder dieser wirren Zeit, so gern laut haben, wünschen wir uns gegenseitig „Frohe Weihnachten“.

Aber erfüllen wird Weihnachten sich erst später: wenn die Glocken die Stille der Nacht verkünden. Dann werden wir den Ton hören, und dann werden wir hoffentlich die Melodie verstehen!

 

Ich blicke nachdenklich aus dem Fenster, mitten in das weihnachtliche weiß, in das die Puszta wie in ein Bett gehüllt ist.

Ich sehe die Spuren des Postautos auf dem Zufahrtsweg, das vor einigen Tagen das gütige Geschenk einer älteren Dame aus Deutschland auf dem Postweg zu mir brachte. Darin zwei Puppen, die sie jahrelang bei sich hatte und die sie nun in die Hände eines Kindes geben will, das in all dem Leid und der Schmerzen, die es erleiden muss, ganz einfach nur ein Licht der Freude erleben soll!

 

Ich erhebe mich von meinem Stuhl, um nun gleich am Heiligen Abend in das Pflegeheim „nopsugar“ zu fahren.

Ich tue das immer an diesem Tag, weil unsere Kinder schon zu Nikolaus beschenkt wurden und auch in diesem Haus das Elend ein Zuhause hat. Es handelt sich um psychisch Kranke Kinder, die sich schreiend an meine Beine heften werden mit riesengroßen geöffneten Augen und vielleicht wird auch noch der bildhübsche Zigeunerjunge dort sein, der gesund ist und eigentlich gar nicht dahin gehört. Als ich die Betreuerín fragte, warum um himmels- willen dieses Kind hier sei, erhielt ich die Antwort: Das ist ein Waisenkind von Zigeunern, wohin soll es denn sonst!!!

Sollte dieses Kind noch dort sein, werde ich ihm eine der Puppen geben, damit es wenigstens ein Wesen in den Armen halten kann, das ihm zuhört und sein Leid zu teilen bereit sein wird.

 

Bert Fröbe

 

Montag, 12. Dezember 2011

 

 
.und nun die Wetterkarte für Sie aus Hamburg, sagt die Sprecherin der Tagesschau und schon ist jenes seltsame Gefühl da: Das kann doch nicht alles gewesen sein-ein Tag Weltgeschehen, fast vier Milliarden Menschen miteinander und gegeneinander in Liebe und Hass- da hat man uns doch etwas vorenthalten, so armselig kann ein Tag doch gar nicht sein, wie ihn die Tagesschau uns zeigte.

 

 Es kann doch einfach nicht stimmen, dass es nur ein paar schwarze Limousinen gegeben hat, die vor irgendwelchen Banken vorfuhren mit ganz wichtigen Männern, die zu Konferenzen und Krisensitzungen hin und her gefahren werden. Und immer wieder: Die versorgten Pokergesichter der Politiker, in die sich die Mikrofone der Reporter fast hineinbohren. Es sind die Herren, die ihre vermeintliche „Wichtigkeit“ in vollen Zügen genießen.

 Es ist eine regelrechte Schlacht, die um das Geld der Banken entbrannt ist. Die Sieger stehen noch nicht fest, aber die Verlierer, denn das werden wir, die kleinen Steuerzahler sein und die Verursacher, die eben erst Milliarden an Steuermitteln erhalten haben, jene lassen sich in einem Luxushotel erst mal so richtig verwöhnen für 400 000.-Euro, was soll es, es sind doch unsere Steuergelder von denen sie prassen.

 Tagesschau ist Schreckensschau, auch in Farbe alles schwarz und wenig weiß.

 

Natürlich spüren wir, dass die Bilder täuschen: Es ist auf dieser Erde alles viel aufregender als im Film, von den Sternstunden des Fernsehens einmal abgesehen, es ist aber auch alles viel stiller und normaler. Die Welt in ihrer Freude und Verzweiflung ist eines, die Tagesschau ist etwas anderes. Verlangen wir ohnehin nicht etwas Unmögliches? In fünfzehn Minuten lässt sich ein weltweiter Tag nicht hineinpressen. Also: Auswahl. Also: Staatskarossen, emsige Aktentaschenmänner, Blitzinterviews.

 Was wäre unsere Welt eigentlich wert, wenn sie wirklich so trostlos wäre, wie es die Tagesschau allabendlich vermuten lässt? Sie wäre kaum etwas wert! Eine Krankengeschichte, von Tag zu Tag fortgeschrieben- und die Politiker sind die Sanitäter, die von Einsatz zu Einsatz jagen. Sie sind mit ihrer gigantischen Verantwortung immer allein, von der Einsamkeit der Macht umgeben- wenn nur nicht der Reporter immer wieder plötzlich lächelnd neben ihm stehen würde.

 Lassen wir doch täglich am Abend unsere kleine, private Tagesschau ablaufen: die kleinen Freuden, den großen Ärger, die paar gestrandeten Hoffnungen. Diese private Tagesschau ist vielleicht nicht so perfekt und so erregend , aber sie hat einen unübersehbaren Vorteil: Wir haben sie selbst erlebt!

 Die größten Verlierer dieser Bankenkrise werden vor allem Hilfsorganisationen, also auch wir sein, denn vor unserer Tür wird keine schwarze Limousine halten und einen Herrn mit Koffer aussteigen sehen, der unseren krebskranken Kindern finanzielle Hilfe anbieten wird.

 Ich öffne gerade unsere Telefonrechnung- sie ist höher , als es uns gu tut. Dennoch gilt für mich ein ganz wichtiger Satz: Humanität darf nicht streben, sonst sterben wir selbst!

  Vielleicht finden sich ja Menschen, die ebenso denken und uns ihre helfende Hand entgegen strecken, vielleicht……….!

 

Bert Fröbe

 

 Freitag, 25.11.2011

Verstehen wir die wahre Sprache der Liebe nicht mehr?


 

In unserer Welt voller Tränen sind Freudentränen so selten geworden! Ich frage mich, warum sind diese Tränen heute so selten geworden? Die Antwort ist einfach: „ Weil all die Dinge, die sie erst möglich machen, systematisch zerstört werden.“ Wer ist denn noch bereit, sich an eine Sache zu verschwenden? Wer gibt noch etwas von sich her, ohne nicht vorher hart zu verhandeln?

Bricht da nicht etwas hervor, was uns alle berührt; ich meine die Liebe im eigentlichen Sinne!

Lassen Sie mich von einer Lebensgeschichte erzählen, die an mich herangetragen wurde und immer dann ein Spender der Lebensfreude in mir wird, wenn ich an all dem zu zweifeln beginne, was das eigentliche Leben ausmachen sollte, denn es sind Geschichten, die das Leben schreibt:

Eine Mutter, mitten im Leben stehend, voller Elan und Tatkraft verlor durch einen schrecklichen Schicksalsschlag zuerst den geliebten Sohn und unfassbar, wenig später ihren Mann, den sie bis zum Ende pflegte, ihn also nicht in „fremde pflegende Hände“ gab.

Von einem Tag auf den anderen stand sie fast allein auf dieser Welt und hätte sie nicht einen zweiten liebevollen Sohn gehabt, vielleicht wäre sie daran zerbrochen.

Dennoch musste sie allein leben, da der Sohn inmitten der Ausbildung stand und weit entfernt wohnte.

Nun musste sie spüren, wie ein kühler Wind durch das Haus wehte und all das zu Eis erstarren ließ, was wenige Tage zuvor noch von Liebe und Harmonie geprägt war.

Einsamkeit, die Station in unserer Gesellschaft, die immer häufiger anzutreffen ist, die nicht nur die Menschen, sondern ein ganze Gesellschaft zu verändern beginnt.

Und wie es dann oft so ist, blieb auch der Kreis der Freunde nicht davon verschont, denn wer will sich schon in fremdem Leid ergehen und schließlich haben wir doch alle so wenig Zeit für Nächstenliebe.

Mitten im Leben also, wurde es immer ruhiger um sie. Verschlimmernd auch, dass sie keine richtige Kraft mehr in sich verspürte, um die beruflichen Dinge wieder anzuschieben, denn immer wieder überwältigten sie die Gedanken des Todes, des Verlustes und der inneren Leere.

Sie spürte, dass es einen Aufbruch in ein neues Leben geben musste und so versuchte sie in ihrem geschäftlichen Umfeld wieder Kontakt zu finden, den sie dann auch ansatzweise fand, doch auch da geschah es, wie so oft, dass es die falschen Leute waren, die ihre Einsamkeit nutzten, um eigene Interessen realisieren zu können. So wurde aus der inneren Einsamkeit eine noch größere, je mehr „Hilfe“ ihr angeboten wurde.

Viele Menschen, zu viele, geben dann auf, resignieren und nehmen sich gar das Leben.

Und dann geschah das Unglaubliche, das nicht mehr Erwartete , sie fand mit Hilfe eines Menschen, der ihr uneigennützige Zuneigung und Liebe schenkte, wieder ins Leben zurück. Welch wunderbare Botschaft, so kurz vor Weihnachten!

Und nun erfuhr ich , dass sie diese neugewonne Energie auch für unsere krebskranken Kinder einsetzen möchte und legte dem Brief eine Überweisung bei, von denen ich Geschenke kaufen und an unsere kranken Kinder verteilen soll.

Zugegeben, ich war so sehr gerührt, dass ich es fast zurück gebucht hätte, doch dann wurde mir bewusst, dass sie es in Liebe für Menschen tat, die auch ein schlimmes Schicksal getroffen hatte.

Mi wurde in dem Augenblick bewußt, wie wenig „Du“ und wie und wieviel „Ich“ es um uns anzutreffen gibt !

Den meisten Menschen geht es doch vorrangig nur noch um Selbstverwirklichung.

Sie ist einer jener Psycho-Tricks, mit denen uns die gesellschaftspolitischen Taschenspieler das Glück versprechen. Es ist hier exakt wie mit der viel beschworenen Lebensqualität, die immer weniger wurde. Diese Kostbarkeiten verflüchtigen sich, sobald man sie festhalten will.

Wenn wir lieben- selbstlos lieben-, sind wir nur einen Schaufelwurf vom Paradies entfernt. Das Trauerspiel unserer Zeit ist, dass wir von solchen Weisheiten kaum etwas halten, dass wir selbstloses Leben viel zu wenig antreffen, dass wir uns in falsche Paradiese locken ließen.

Eine ICH Generation, die nun über die Gefühlsleere staunt, die sie selbst in sich trägt.

Mit anderen Worten: Es ist eine gefährliche Unverbindlichkeit in unser Leben gekommen. Und nur dort, wo plötzlich das Schicksal wie ein Faustschlag dazwischen fährt, werden Menschen wach, erkennen sie Wesentliches, treten sie hinter ihrem eigenen leben zurück, entdecken sie Schmerzen, die die anderen um der Liebe willen ertragen mussten- und sagen es dann auch.

Ja, uns wurde die Lektion des Nachdenkens erteilt, ob wir uns auch morgen daran erinnern?


samstag, 19.11.2011

Als ich ihn schon von Ferne vor einem Schaufenster im Dämmerlicht stehen sah, leicht gebückt, gedankenverloren, war mein erster Gedanke, diesmal vorbeizuhuschen, denn ich hatte es eilig, und wir hatten uns ja erst vor ein paar Tagen gesprochen.

Dann kam ich in seine Nähe, er starrte immer noch in die Auslage, ich hätte glatt vorbeigehen können, aber aus Gründen, die ich mir auch im nachhinein nicht erklären kann, blieb ich nun doch an seiner Seite stehen, mit einer heiter hingeworfenen Frage:"Wie geht es Ihnen denn heute?" Meine Stimme hatte sich sekundenschnell in diese Tonlage erhoben, weil ich Ihn immer nur heiter kannte- es wäre falsch gewesen, ihn anders anzusprechen. Er drehte sich zu mir um, ich blickte in sein Gesicht, sah seine rotgeweinten Augen, die Aura um ihn herum war voller Traurigkeit.

"Mein Kind hat mich verlassen", sagte er mit stockender Stimme.Ich wußte natürlich sofort, dass er die schwere der Krebserkankung seines Kindes nie wahrhaben wollte.

Nun berichtete er, dass seine Tochter vorgestern gestorben sei,"in der Intensivstation", zuvor war der Arzt gekommen, dann der Krankenwagen, dann das grausame Warten am Krankenbett," aber sie hat das Bewusstsein nicht wiedererlangt"

Seine zweite Tochter sei aber sofort zu ihm gekommen, die sich nach dem Tod seiner Frau seit Jahren rührend um ihn kümmert.

Sie kam  mit einem kleinen Koffer, sie würde auch in den nächsten Wochen bei ihm sein.

Der Mann beugte sich zu mir vor, er sprach davon, dass die Tochter ihm nun etwas von der Liebe zurückgeben würde, die er zeitlebens für sie empfunden hatte.

Ich sagte, dies sei doch sicher ein kleiner Trost, und er meinte, dass nicht jeder Mann in  einer solch "glücklichen Lage" sei, wie er.

Ich musste an die Worte des griechischen Dichters Euripides denken:

"Für einen Vater gibt es nichts holderes als eine Tochter". Zweitausend Jahre Menschheitsgeschichte haben an dieser Wahrheit nichts geändert, auch wenn wir uns-modern wie wir sind-heute schwertun, von "holden" Töchtern zu sprechen.

Doch höre ich die Geschichten, die mir betroffene Eltern erzählen, vor allem auch in Deutschland, befällt mich Schwermut, da diese Hilfe immer seltener von Kindern gewährt wird. "Keine Zeit," sagen jene und lassen einen verzweifelten Menschen zurück.

 

Bert Fröbe

 

 

 

Freitag, den 11.11.2011

 

Wie oft habe ich ich schon gehört, jenen Satz, den ich nie unterschreiben könnte, weil sich mein Inneres dagegen sträubt:

 

Das Leben hat einen Sinn, den ich ihm selber gebe!“

 

Der Gedanke, wir machen unser Leben selber, wir formen unseren Sinn durch Selbstentwurf, hat von jeher in der Literatur und im Denken der Menschen eine große Rolle gespielt.

Ich glaube nicht, dass das so stimmt. Ich bin der festen Meinung, dass Menschen eher wie Kunstwerke sind, die noch den Fingerabdruck Gottes in sich tragen, etwas Geformtes also, das in unseren Genen irgendwo verborgen ist. Um das zu ergründen, muss man tief nach innen schauen.

Freilich, wir Menschen sollten uns das, was unser Leben bestimmt, nicht von außen diktieren lassen. Es sollte kein fremdgesteuertes Programm geben. Aber ich glaube, dass wir uns eigentlich nur richtig entwerfen, wenn wir spüren, woran wir uns mit allem Gefühl und mit aller Leidenschaft unserer Person wirklich hängen können, wofür es sich lohnt, sich mit Haut und Haaren zu engagieren.

Da ist zum Beispiel die Liebe. Das ist aber auch ein starkes soziales Engagement. Das ist für mich auch der Kampf gegen die Ausbeutung der Tiere oder die fast faschistoide Art, wie wir mit Heimatsuchenden und Fremden umgehen.

In all dem, denke ich, lohnt sich ein vollkommenes Engagement.

Als Beispiel möchte gern Stefan Günster nennen, der sich sehr für unsere krebskranken Kinder engagiert und jedes Jahr ein finanzielles Weiterleben unseres Vereins selbstlos ermöglicht, der selbst vor einigen Jahren, als er heiratete, die Gäste bat, anstelle von Geschenken, lieber eine Spende für krebskranke Kinder in Ungarn abzugeben. Auch dann, als die Wirtschaftskrise ihm Verluste einbrachte, hielt er uns die Treue. Danke, Stefan!

Engagement, das kann man sich aber nicht selber verordnen. Nein, das Thema muss von ganz tief innen kommen.

Menschen reagieren mit all dem, was sie sind, auf konkrete Herausforderungen der Situation- und dann freilich erkennen sie auch, wer sie sind!

Das zeigt sich eben vonSituation zu Situation durch die Summe von Entscheidungen. Jene aber kommen aus der Tiefe der Person. Wir haben uns nicht in der Hand wie eine Billardkugel, die man von rechts nach links stoßen kann.

 

Der berümte Philosoph und Dichter Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt:

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“

 

Das glaube ich unbedingt. Wenn man weiss, wofür man etwas tut,- in diesem Sinne „warum“ als Zielursache- wofür es sich lohnt zu leben, dann hat man keinen Grund mehr irgend etwas zu bedauern.

Ich glaube, ein ganz wichtiges Mittel, um glücklich zu sein, besteht darin, sich genau zu überlegen, ob man hinter der Entscheidung, die man trifft, wirklich steht. Und wenn man das tut, dann inclusive aller Schwierigkeiten. Denn diese lohnen sich dann, für diese Liebe, für diesen Menschen, für dieses Ziel.

Und dann, liebe Leser, gibt es nichts mehr zu bedauern!

Bert Fröbe

 

Freitag, 3.11.2011

 

Ein neues Wochenende liegt vor mir und ein Stapel Post, den es zu bearbeiten gilt. Unglaublich eigentlich, welche Menge an bürokratischen Tätigkeiten die ungarischen Behörden verlangen, um auch weiterhin als nonprofit-Verein anerkannt zu bleiben, aber vielleicht ist es auch gut so, denn es gibt auch „schwarze Schafe“, die sich im Umgang mit Geld unkorrekt verhalten.

Ich beginne die Tabellen auszufüllen, doch nach wenigen Spalten schweifen meine Gedanken ab und verfangen sich in den Ereignissen und Begegnungen, die ich im Umgang mit unseren krebserkrankten Kindern und deren leidgeprüften Eltern hatte.

 

Mein Blick fällt durch das Fenster, wo bunte fallende Blätter ihr letztes Spiel mit dem Wind treiben.

Meine Gedanken kreisen um Vergangenes, Bilder von Kindern erscheinen vor meinen Augen, denen auch wir nicht helfen konnten, deren Tränen alle geweint sind. Wo mögen sie wohl jetzt sein?, frage ich mich und habe keine sichere Antwort parat.

Der Herbst kommt über das Land, doch der Tod bekommt selten Bedeutung in unserem Bestreben, denn er trifft bekanntlich die anderen im Leben! So dünkeln wir im Schall und Rauch und züchten, kultivieren und leben unsere fernen Illusionen. Beklemmend und befremdend, aus unerwarteter Stunde geboren, entreißt der ferne Todesbote die geliebten Kinder. Fragen und Klagen ertönen aus der Stimme der verzweifelten Mutter „Ein böser Traum – warum passiert es mir? „. Sinnesfragen und schmerzvolle Lebensklagen werden geboren – übrig bleibt ein einsames Grabmahl und der weinende Wind des Nordens.

Wo liegt der Sinn und die Symbolik im schweren Einzelschicksal? Ist es das Schicksal des Einzelnen oder betrifft es alle Generationen? Trifft es nicht auch den Freund, den Nachbar und die Sterne – wahre Gedanken werden überhört in Phasen des Dunklen. Der Wandel der Zeit, der Rhythmus des Lebens, hoch erklommen – tief gefallen, lehrt uns das Gesetz des Lebens. Es ist töricht zu glauben der Gotteswille oder des Lebkreises-Sinne  verschont uns mit solch bitteren Pillen. Die Lektion des Lebens ist einfach und klar, nichts bleibt wie es einmal war..

...„Alte Tote müssen neuen weichen, jeder Tag unterliegt dem Prinzip der Todesnähe, wahrlich keiner ist weise,der nicht das Dunkel kennt!

Ich finde irgendwie aus diesen Gedanken heraus und öffne, die Statistik der Bürokratie zur Seite legend, die anderen Briefe.

Ich beginne zu lesen und erhalte Kunde von Eltern, deren Kinder als „untherapierbar“ aus dem Krankenhaus entlassen wurden und nun nicht wissen, was sie allein auf sich gestellt, tun sollen.

Denn, geneigter Leser, sie sollten wissen, dass es in Ungarn kein einziges Hospiz für sterbende Kindern gibt, in denen Kind und Eltern in Würde voneinander Abschied nehmen können.

Seit Jahren kämpfen wir schon um finanzielle Mittel, doch die Behörden sehen das als nicht finanzierbar an, klar, wir haben eine Krise und da müßen zuerst die Banken gerettet werden.

Ich bin mir aber sicher, wir werden das auch Dank Ihrer Hilfe schaffen, wenn sie uns auch nur in kleinen Schritten finanziell weiterhelfen können.

Über eine Spende, die steuerlich abgesetzt werden,kann würden wir uns herzlich freuen.

Bankdaten:
Europäischer Förderverein krebserkrankter Kinder Kecskemet e.V.

aus dem Ausland

IBAN HU33116000060000000018394221

Swift: GIBAHUHB

Erste Bank Hungary Rt. 

 

Sonntag, 16.10.11

 
 

Ein Erlebnis, das mich diese Woche besonders bewegt hat, war der Besuch eines erkrankten Kindes, das den Roma und Sinti angehört und was ich dort erleben musste, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Die weinselige Stimmung mit musikalischer Umrahmung täuscht leider allzu oft darüber hinweg, dass das „ Zigeuner-Leben“ gar nicht lustig ist und schon gar keinen Anlass zum Faria-Faria-Hoh-Singen gibt.

Es ist wirklich ein Stück „ Dritte Welt“ mitten in Europa, mit all seinen unseligen Ausprägungen eines ausufernden Problems: eine Lebenserwartung, die 20 Jahre unter der eines Europäers liegt; eine höhere Geburtenrate und eine hohe Säuglingssterblichkeit. Sie leben in Slums ohne Wasser und Kanalisation am Rande der Städte. Die Anstrengungen des Staates, das Problem in den Griff zu bekommen, sind mehr als halbherzig.

Aber was regen wir Deutsche uns manchmal auf, haben wir doch einen Hitler hervorgebracht, der diese Geschöpfe einfach in KZ´s  steckte und dort zu Tausenden vergasen ließ.

Als ich in die Siedlung komme begegnen mir viele Kinder, die im Dreck spielen und dennoch lustig erscheinen.

Am Haus angekommen begegnet mir eine 78-jährige Frau mit dem Gesicht einer Indianerin, auf zwei Krücken gestützt, die uns herzlich begrüßt. Das halb verfallene Haus besteht aus zwei Räumen, Möbel gibt es nicht, nur in der Ecke liegen schmutzige Strohsäcke.

Auf einem von sitzt ein bildhübches Mädchen von 6 Jahren und seine großen dunklen Augen schauen mich ängstlich an. Ich gebe ihr die Hand und lächele sie an. Verlegen schaut sie zu ihrer Mutter, ist es doch in Ungarn nicht Brauch, Frauen die Hand zur Begrüßung zu reichen.

Diese lächelt und nickt dem Kind zu. Während ich mich mit der Mutter unterhalte und mich voll konzentrieren muss, weil jene einen schwer verständlichen Dialekt spricht, ist das Mädchen näher gekommen, lehnt sich an mein Knie und neigt den Kopf zu mir. Ich streichele ihre wundervollen Haare und bin froh, dass der Raum so dunkel ist, denn ich spüre, wie meine Augen feucht zu werden beginnen.

In einer Ecke des Hauses der gekreuzigte Jesus, sie sind Christen. „Herr, bitte helfen sie uns“, sagt die Mutter.“ Ich bin kein Herr“, sage ich peinlich berührt, „ sind wir nicht alle eine Familie unter dem Kreuz“, fahre ich fort.

Als ich das Haus verlasse, es dämmert bereits, bin ich tief beeindruckt und ich weiß, dass wir diesem Kind helfen werden!

Warum haben wir nur so wenig finanzielle Mittel hier in Ungarn, denke ich verzweifelt.

Warum bekommen nur große Organisationen erhebliche Spendengelder und wir müssen jeden Forint dreimal umdrehen?

Dennoch verzweifele ich nicht, haben uns doch Deutsche auch schon geholfen!

 

Bert Fröbe

 

Samstag, den 25.6.2011

 

Ich hatte mich vor einigen Tagen mit der Mutter von Annamària in einem Cafè verabredet, nur für ein paar Minuten meinte sie am Telefon, denn sie wisse, wie kostbar meine Zeit bemessen sei.

„ Ich werde kommen, antwortete ich und ich tue es gern!

 

Annamària ist 10 Jahre alt, ein typisch ungarisches Mädchen mit schwarzen Haaren, braunem Teint und großen ausdrucksvollen Augen, durch deren Iris die Seele nach außen zu dringen scheint.

Als ich sie in der Kinderonkologie kennenlernte, sprach sie kein Wort, doch da waren diese Augen, diese ängstlichen fragenden Blicke, die einen Blick in ihre kleine Kinderseele zuließen.

 

Lange Zeit hatte ich nichts mehr von ihr gehört, nachdem sie die Klinik verlassen musste, weil wie immer Betten gebraucht wurden und die weitere Behandlung dem Staat wohl zu teuer kam.

Aber das ist Alltag in diesem Land, das doch noch so weit von westlichem Gesundheitsstandard entfernt ist.

Was macht eigentlich das Leben eines westeuropäischen Kindes wertvoller für die Gesellschaft, als das Leben Annàmarias, dachte ich, als ich das kleine Cafè an der Donau betrat.

 

Ich nahm wie immer an dem kleinen Tisch platz, von dem aus alles gut zu überblicken war, einwenig zurückgezogen vielleicht, aber ich glaube, dass das meinem Charakter entspricht, nicht immer den Mittelpunkt einnehmen zu wollen.

 

Am Tisch, wenige Meter von mir entfernt, saß eine ältere Dame, die sich an diesem Tag besonders schön gemacht hatte. Immer wieder nestelte sie nervös an einer kleinen schmuckvollen Kette, die ihren Hals umspielte, als erwarte sie etwas Besonderes. Wie schön doch alte Menschen sein können, dachte ich und konnte meine Blicke nur schwer abwenden. Einmal blickte sie kurz mir und ich konnte ein Lächeln erhaschen, das ich erwiderte. Dann wieder das Spiel mit der dem Halskettchen.

 

Da meine Verabredung immer noch nicht gekommen war, konnte ich beobachten, wie die Dame den Kellner mit immer neuen Wünschen an sich fesselte:

 

„ Haben sie ein Streichholz?“

 

Können Sie mir bitte in den Mantel helfen?“

 

Wissen Sie, wo die nächste Bushaltestelle ist?“

 

Vermutlich war es das einzige Gespräch für diese einsame Frau an diesem Tag. Und ich weiß, was ich beim Beobachten dieser kleinen Szene dachte: „ Hoffentlich verschont dich das Schicksal vor einem Leben, in dem du so mühsam nach einem Echo suchen musst!“

 

Mein Handy klingelt, es ist meine Verabredung, die sich tausendmal entschuldigt, dass sie erst in 10 min kommen könne, weil der Bus Verspätung hatte.

 

Zwei Espesso später betritt eine ganz in schwarz gekleidete Frau das Cafè, lächelt mich mit verweinten Augen an und nimmt mir gegenüber Platz.

Ich blicke in ihre Augen und bitte sie, mir ganz einfach zu erzählen, was geschehen sei und füge hinzu, wir nehmen uns jetzt ganz einfach die Zeit füreinander.

 

Ich erfahre nach wenigen Minuten, dass Annamària gestorben sei und sie nun nicht mehr wisse, wie sie weiterleben soll, so allein, so verlassen!

Dann schweigt sie, ist völlig erschöpft und sieht mich fragend an.

 

Ich sage, wissen sie, Menschen sind wie Kunstwerke geschaffen, wie etwas Geformtes, das noch den Fingerabdruck Gottes an sich trägt. Um das fühlen zu können, muss man tief nach innen blicken. Und dann füge ich hinzu, was den Sinn unsres Lebens ausmacht, sollten wir uns nicht von außen diktieren lassen. Es darf kein fremd gesteuertes Programm geben. Aber ich glaube, sagte ich weiter, dass wir uns eigentlich nur richtig entwerfen, wenn wir spüren, woran wir uns mit allem Gefühl und mit aller Leidenschaft unserer Person wirklich hängen können, wofür es sich lohnt zu leben.

Ich weiß, wie sie sich jetzt fühlen nach diesem schweren Verlust, höre ich mich sagen, denn ihre ganze Welt scheint wie leer geräumt. Solche Ereignisse sind tiefe Krisen auch der Sinnfindung. Sie können strukturell im eigenen Charakteraufbau, in schweren Gehemmtheitsstrukturen liegen, aber es kann auch momentan auch all das zusammenbrechen, worauf man sein Leben gegründet hat.

Es geht nicht anders, als dass man dann, wenn irgend möglich, versucht zu zeigen, wie viel Wert und Kostbarkeit in dem eigenen Leben liegt.

Ist es nicht wundervoll, frage ich, dass es diesen einen Menschen gab, der mit seiner Liebe und Wärme alles geschenkt hat, auch an Entdeckung der eigenen Würde, an Mut und Stolz zum Leben?

Aber gerade, wenn das alles so war, dann galt es doch nicht einfach, weil der Andere so gütig war und ein geliebtes Kind, sondern weil ihre Tochter sie mit hellen, wachen Augen ihre Mutter gesehen hat, also „ihre“ Wahrheit!

Sie hat sie so gesehen, wie Sie wirklich sind. Und diese Erkenntnis ist durch nichts zerstörbar. Im Letzten nicht einmal durch den Tod, denn es gibt nicht ein Reich der Lebenden und ein Reich der Toten.

 

Es gibt nur ein einziges Reich der Liebe, in dem wir auf immer gemeinsam sind!

 

Lange hatte diese Frau mir zugehört, bevor sie mir antwortete:

Sie haben mir sehr geholfen und fast getraue ich mir nicht zu sagen, dass ich die ganze Zeit Annamària neben mir spürte.

Ich schloss sie zum Abschied in meine Arme und ging nachdenklich noch einige Zeit an der Donau entlang und musste lächeln, als ich eine Entenmutti bemerkte, deren Küken unter deren Gefieder geschlüpft waren.

 

Bert Fröbe

 

 

Liebe Freunde,

Unser guter alter Lada Niva, ich nenne ihn gern „Held der Arbeit“, der wohl als einziges Fahrzeug jeden Sandweg in der Puszta bezwingen kann, zerrt willig einen riesengroßen Anhänger hinter sich her, denn Martin, unser Freund aus Tirol, hat zusammen mit seiner Frau eine Menge an Sachspenden für uns bereitgestellt, die es nun in unser „ Basislager“ zu bringen gilt.

Im Autoradio bringt ein Sender den Live- Mitschnitt eines wunderbaren Konzertes und ich beginne in diesem Rausch meiner Sinne immer tiefer in mich selbst zu versinken. Es ist so schön, dass ich, als der Beifall für die Künstler nicht enden will bemerke, wie Tränen der Freude meine Augen und Wangen zu benetzen beginnen.

In diesem Augenblick fällt mir ein Brief ein, in dem eine Frau schildert, dass sie beim lesen unserer Internetseite Tränen in den Augen hatte. Nicht Tränen der Trauer, sondern Tränen der Freude, weil Kindern so aufopferungsvoll geholfen werden kann.

In unserer Welt voller Tränen sind Freudentränen so selten geworden! Ich frage mich, warum sind diese Tränen heute so selten geworden? Die Antwort ist einfach: „ Weil all die Dinge, die sie erst möglich machen, systematisch zerstört werden.“ Wer ist denn noch bereit, sich an eine Sache zu verschwenden? Wer gibt noch etwas von sich her, ohne nicht vorher hart zu verhandeln?

In diesen Beifall für die Künstler des Konzertes schwingt etwas von verloren geglaubter Liebe mit. Da bricht etwas hervor, was uns alle berührt; ich meine damit die Liebe. Denn wohin wir auch blicken- wir entdecken heute wenig DU und sehr viel ICH.

 

Die Zauberformel, die wir erfanden, klingt- von der Sprache her- so trostlos, wie die Sache selbst natürlich auf die Dauer auch ist: Selbstverwirklichung! Sie ist einer jener Psycho-Tricks, mit denen uns die gesellschaftspolitischen Taschenspieler das Glück versprechen. Es ist hier exakt wie mit der viel beschworenen Lebensqualität, die immer weniger wurde. Diese Kostbarkeiten verflüchtigen sich, sobald man sie festhalten will.

 

Wenn wir lieben- selbstlos lieben-, sind wir nur einen Schaufelwurf vom Paradies entfernt. Das Trauerspiel unserer Zeit ist, dass wir von solchen Weisheiten kaum etwas halten, dass wir selbstloses Leben viel zu wenig antreffen, dass wir uns in falsche Paradiese locken ließen.

Eine ICH Generation, die nun über die Gefühlsleere staunt, die sie selbst in sich trägt.

Mit anderen Worten: Es ist eine gefährliche Unverbindlichkeit in unser Leben gekommen. Und nur dort, wo plötzlich das Schicksal wie ein Faustschlag dazwischen fährt, werden Menschen wach, erkennen sie Wesentliches, treten sie hinter ihrem eigenen leben zurück, entdecken sie Schmerzen, die die anderen um der Liebe willen ertragen mussten- und sagen es dann auch.

Ja, uns wurde die Lektion des Nachdenkens erteilt, ob wir uns auch morgen daran erinnern?

 

Meine Bitte: Wenn sie auch nur einen kleinen Betrag an uns spenden können, dann bitte ich sie herzlich, uns zu bedenken.
Bankdaten:
Europäischer Förderverein krebserkrankter Kinder Kecskemet e.V.

aus dem Ausland

IBAN HU33116000060000000018394221

Swift: GIBAHUHB

Erste Bank Hungary Rt. 


Sie erhalten eine Spendenquittung, die sie in Deutschland von der Steuer absetzen können!

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!

 

Pfingsten 2011

Nie schien die Sonne wärmer und heller als an jenem Tag, kein Wunder, haben wir doch, wie alljährlich, Kinder aus ganz Ungarn eingeladen, die die Krankheit überwunden haben und wieder  voll ins Leben integriert sind. Es ist Pfingsten und wir wollen neue Kraft tanken, Gespräche miteinander führen und Erfahrungen austauschen.

Wie gut, dass wir uns mit unseren Mitgliedern des Vereins in unserem patenschaftlich verbundenen Reiterhof verabredet hatten, um beim  großen Sommerputz zu helfen.

Schon als wir in die Einfahrt einbogen, kamen uns auf der Koppel die ersten Pferde freudig entgegen. Mokusch, das Fohlen, dessen Mutter und natürlich Linda, unser Pferd.

Beim Anblick dieser Idylle geht einem schon das Herz auf. Besonders dann, wenn man weiß, wie gut es Kindern, die aus der Klinik entlassen sind, tut. Im Umgang mit diesen sanften Tieren genesen sie viel schneller und tanken Kraft für die weitere Zeit mit dieser Krankheit.

Sancho, der Pferdepfleger stellt uns alles Gerät zur Verfügung, um Ställe und Koppeln zu säubern. Wir sind alle voll überschwänglicher Freude, so schön und friedlich ist es hier in der Weite und Einsamkeit der Puszta. Die Arbeit geht zügig voran, naja, viele Hände bereiten ein schnelles Ende!

Ich habe mich, während der Mittagszeit an meinen Lieblingsplatz zurückgezogen, mir eine Pfeife angezündet und meine Gedanken schweifen lassen.

Ich denke, wo wir eigentlich manchmal unsere Augen haben, wir, die wir groß sind, erwachsen und mitten im Leben stehen, an alles denken, alles zu wissen glauben, uns um alles kümmern- um das Geld vor allem, denn das ist doch wichtig, nicht? Ich weiß wirklich nicht, warum wir dreißig, vierzig , fünfzig Jahre diese Welt gesehen haben, um eines Tages festzustellen: Von dem Wesentlichen sehen wir zu wenig. Es raschelt hinter mir und Susanna, sucht meine Nähe. Sie drückt ihre Puppe an sich, selbstvergessen, und irgendwie sprach sie auch mit diesem Stück Zelluloid. Und plötzlich fühle ich, welche Kraft in einem solchen Kind steckt: die Phantasie, mit der es sich aus der Einsamkeit rettet, die Zwiesprache, die in Wahrheit ein Monolog ist- Kinder können träumen und sich ihre eigenen Welt zurecht bauen. Das Fohlen auf der Weide- es hatte so traurige Augen wie Susanna  an meiner Seite, aber dann sprang es hoch und die beiden unterhielten sich miteinander. Ich war schon einige Schritte weiter gegangen, das Mädchen blieb zurück und fragte das Fohlen, wo es denn eigentlich schlafe…

Sie erzählte mir später, dass sie vom Pferd wirklich Antwort bekommen habe.- Mein Gott, diese Welt ist nicht nur das, was ist, sondern auch das, was man sich vorstellt, und Kinder sind Könige in ihrem Reich- und am Anfang ist allemal die Liebe. Vergessen wir Erwachsenen das nicht allzu oft? Wann nehmen wir uns die Zeit, endlich Zeit zu haben? Immer gibt es die Uhr: tagsüber im Beruf, abends wenn wir einem Vergnügen nachjagen; nachts noch versuchen wir, öfter als gut ist, mit Tabletten den Schlaf zu verändern. Wir möchten ihn schneller machen- schneller einschlafen – und tiefer – bloß nicht aufwachen! Alles möchten wir steuern, beeinflussen, manipulieren, dirigieren. Und dann kommt so ein Kind daher und lehrt uns: man kann eine Kaufhauspuppe lieben, man kann mit Pferden sprechen, man kann Wolken an den Himmel zaubern, man kann auf einem Sonnenstrahl reiten und – man kann Liebe finden, wo immer man will, ganz einfach: indem man Liebe gibt!

Ein Kind an die Hand zu nehmen, und die Welt  durch die Augen eines Kindes neu zu entdecken- das ist eine Sache, die sich lohnt. Aber weil sie nichts kostet, scheint sie wenig wert zu sein- ein Irrglaube, ein Fehler, den wir Großen teuer bezahlen müssen!

17 Uhr ist unsere Arbeit beendet und am Abend werden wir am Feuer beisammen sitzen und uns gegenseitig erzählen, wie alle ins Leben zurück gefunden haben und bestimmt erhalte ich neue Anregungen, wie unser Verein noch besser helfen kann!

Bert Fröbe

 

 2.06.11

Irgendwann, liebe Leser, gehen wir alle über jene Grenze. Wir wissen nicht, wann es geschieht. Vielleicht betreten wir zuerst auch ein Niemandsland, in dem wir noch ein bisschen hin und her schwanken in dem trügerischen Gefühl, eigentlich noch ganz jung zu sein.

Aber irgendwann werden wir doch dann unerbittlich über jene Grenze in das weite unbekannte Land  gestoßen,  das Alter heißt.

Es kann eine schwere Grippe sein, die unerwartete Kündigung in der Firma, ein Todesfall, oder ein anderer Schicksalsschlag. Sei es, wie es sei!

Und wenn wir diese Hürde überwunden haben und uns wieder einfädeln in den Strom des Lebens, kommt plötzlich der Augenblick, in dem wir erkennen müssen, auf die Überholspur kommen wir nun nicht mehr rüber.

Wann werde ich mich also zum Alter bekennen müssen? Kann das eigentlich jeder für sich entscheiden? Nein, das entscheidet man nicht das kommt von außen, vom Himmel, oder  von irgendwo her. Ich glaube es ist, als ob irgendein Rädchen nicht mehr richtig funktioniert. Vielleicht ist es eine Falte am Mund, eine Falte auf der Stirn?

Vielleicht ist plötzlich auch der Blick anders, mit dem man jetzt den Frauen folgt. Vielleicht ist man dann alt, wenn   Frauen  dich nur noch in den Schlaf wiegen , und man schläft   dennoch glücklich ein?

Ich sehe das so: Wenn eine Entwicklung innerlich gut vorbereitet ist- und das Älterwerden macht da keine Ausnahme, dann nimmt sie unweigerlich ihren Lauf: entweder dramatisch  mit den schon erwähnten Schicksalsschlägen, oder sie kommt maskiert daher, in kleinen Schrittchen, in absichtslosen Gesten, die hilfreiche Hand eines Fremden am Straßenrand kann  es schon sein.

Die Erkenntnis des eigenen Alters, das ist für mich kein Problem, habe ich doch den Äußerlichkeiten niemals große Aufmerksamkeit geschenkt. Mit Unverständlichkeit und einem Lächeln begegne ich Menschen, die nur nach „außen“ leben und immer schön sein wollen.

Schauen sie auf die Zeichnung Alfred Dürers mit dem Bildnis seiner alten Mutter, die für mich mit dem inneren Glanz der Seele, eine Schönheit darstellt.

Weisheit, eine Gabe des Alters, Hingabe an das zu Erwartende, und die unendliche Liebe, sprechen aus den Augen dieser alten Frau.

Die Zeit, in der wir leben, sie fordert ewige Schönheit und Jugend als symbolisierte Leistungskraft. Was tun diese Menschen nicht alles, diesem falschen Gott zu dienen.

Brüste werden wie Puten ausgestopft, Fett wird mit Schläuchen wie Altöl abgesaugt, unnatürlich weiße Zähne fletschen sich einem entgegen, wie ein Wolfsgebiß,  und eingewebte Haarteile täuschen eine Pracht vor, die es gar nicht gibt.

Schön und reich, das Traumziel vieler Zeitgenossen.

Die Weisheit des Alters, die Demut vor dem Unausweichlichen in sich birgt, aber auch Hoffnung in die Zukunft, die wünsche ich ihnen von ganzem Herzen, damit sie dereinst das Alter meistern können.

Ich fürchte nämlich, dass wir alle diese Weisheit bitter nötig haben , wenn wir über diese Grenze ins Ungewisse schreiten werden!

 

Donnerstag, 26.Mai 2011

 

Wie weit wir es heute gebracht haben, mag ein einfacher Vergleich zeigen.

Wenn unsere heutigen Archäologen eine antike Stätte ausgraben, können sie hoffen, in den Mauerresten  versunkener Städte von einst, auf Tempel und Paläste zu stoßen, auf Heiligtümer und Herrschaftsanlagen, oder auf Theater und Thermen und nicht zuletzt auf Grabanlagen, die oft als einzige das Leben vergangener Zeiten vor unseren Augen enthüllen.

Wenn, sagen wir, die Archäologen in 2000 Jahren damit beginnen, die Siedlungsgeschichte Europas auszugraben, werden sie mit aller Sicherheit die Fundamente größter gebäudekomplexe, nicht mehr als Kathedralen und Vergnügungsstätten, sondern unfehlbar als Arbeits- und Finanzämter, vor allem aber als Banken und Versicherungen identifizieren und sie werden die Wahrheit über uns aussprechen:

Diese Epoche der menschlichen Gesellschaft, werden sie sagen, begann damit, unverhohlen nur noch an die Macht des Geldes zu glauben.

Wo früher das Erleben von Musik und Tanz den Umgang mit der Zeit zu gestalten pflegte, legte sie sich auf die Sicherung der Zukunft fest. Durch die Manipulierung von Geld , versuchte man sich vor der Bedrohung der heraufziehenden Zeit zu schützen.

Sie kämpfte um jeden kleinen Vorteil, einander zuvorzukommen, doch dann wieder versuchte sie, durch eine absurde Magie des Geldes, den Tod zu leugnen.

Ihre „Unsterblichkeit“ überklebten sie mit Geld.

Ihr Gott hauste in den Banken, der die Anhänger seiner Religion zwang zu glauben, dass Zeit Geld sei!

Mehr als ein Drittel der Menschheit lebte damals auf Kosten der übrigen zwei Drittel, ganz nach der Formel:

Was ist das Ziel des menschlichen Lebens? Reich zu werden!

Wie?

Unehrlich, wenn wir können!

Ehrlich, wenn wir müssen!

Wer ist der einzige und wahre Gott?

Geld ist Gott!

 

Wir müssen dringend unser Besitzdenken ändern!

Eine Liebe unter Menschen würde schweren Schaden nehmen, wenn der Eine dem Anderen im Sinne eines Besitzanspruches sagen  wollte:

Meine Frau, mein Mann, mein Kind! Wohl kann man sagen: „ Mein Geliebter und meint damit: „ Ich gehöre Dir, wir gehören zusammen, denn das hat nichts mit Besitz zu tun.

„ Ich hab Dich lieb“, meint gerade umgekehrt:

„Ich liebe deine Freiheit, ich liebe deine Schönheit, ich möchte, dass du lebst!“

 

Allein das macht Sinn. Der Sinn schirmt und trägt alle Wesen, denn die Menschen lieben, das bedeutet immer auch gütig zu sein!

Das nicht übereinstimmende, übereinstimmend zu machen, das bedeutet Größe.

Zahllose Widersprüche besitzen, das bedeutet Reichtum!

Ein wirklich glücklicher Mensch hält sich fern von Reichtum und Ansehen, denn Güter und Besitz bedeuten für ihn keinen Gewinn.

Langes Leben ist ihm nicht Grund zur Freude, frühzeitiger Tod ist ihm nicht Grund zur Trauer.

Erfolg bedeutet für ihn keine Ehre! Misserfolg , keine Schande!

Und wäre er der Herrscher der ganzen Welt, er sähe darin keine persönliche Auszeichnung.

Auszeichnung ist es, dass er erschauen kann, wie alle Dinge eine Heimat haben und Leben, wie auch der Tod, gemeinsame Zustände sind!

Denken sie also darüber nach und beginnen Sie, anders und wirklich zu leben!

Nicht erst ab morgen, sondern sofort!

 

 

Samstag, 9.10.2010

 Wieder ist Samstag, der schönste Tag der Woche! Pünktlich 6 Uhr stehen vor der Tür, hinter der ich meine Träume durchlebte meine 4 Hunde und warten auf mich, um das morgendliche Ritual der Begrüßung immer wieder aufs Neue zu erleben. Welche Freude, welche Herzlichkeit verbirgt sich in diesen Tieren!

Und dann das gemeinsame Frühstück, jeder kennt seinen Platz, immer in Erwartung, die Liebe seines großen Freundes in Form einer kleinen Aufmerksamkeit zu erhalten.

Meine Hand sucht deren Berührung und während vier kalte Hundenasen mir zu huldigen beginnen, denke ich, wie glücklich diese Tiere doch sein müssen, da sie nicht die Fähigkeiten der Menschen besitzen, in die Zukunft zu denken. Keine Zukunftsängste trügen ihren Blick, denn Gott hat ihnen die Fähigkeit gegeben, scheinbar immer in der Gegenwart zu leben. Wie beneidenswert!

Ich blicke aus dem Fenster und bemerke, dass sie nun gekommen sind, diese schweren Tage, in denen der Nebel vor der Sonne liegt und sich alles zum Dunklen hin verändert. Die Natur bäumt sich noch einmal auf, verwandelt die Farben der Blätter vom flammenden Rot bis zum schwarzen Braun, ehe dann der ganze Jammer vor uns steht: kahl, entlaubt, leergefegt vom Steppenwind. An den Bäumen spiegelt sich unser eigenes Leben, wir ahnen es, wir wollen es nur nicht wahrhaben. Irgendwann in den letzten Tagen, als wir, noch nicht mit der Jacke vor das Haus traten, spüren wir: Jetzt ist er da! Denn der Herbst fragt nicht, ob er eintreten darf: Er kommt!

Ich setze mich an den Schreibtisch, um eine neue Seite meines Tagebuches zu schreiben, doch die rechten Gedanken wollen sich noch nicht einstellen.

Ich erblicke vor mir eine Fliege, die müde, und schleppenden Schrittes auf meiner Hand Ruhe finden will und ich lasse sie gewähren.

Die Flügel eng an sich gepresst, verharrt sie regungslos in meiner Hand, die Augen weit geöffnet. Sanft legt sie sich in meine Hand und ihr Blick scheint in das Unendliche, in die Unendlichkeit gerichtet zu sein. „ Ob Fliegen auch beten können?“, denke ich, und eine schwer zu ertragende Stille breitet sich um uns aus.

Ich lege das Requiem von Mozart auf und schön die ersten Töne dieser wunderbaren Musik, scheinen die Würde dieses Augenblicks zu unterstreichen. Langsam legt sich das sterbende Tier auf die Seite und die kleinen Füßchen verlässt das ängstliche Zucken. Die Gliedmaßen bewegen sich langsam und gleichförmig und noch immer schauen die Augen zum Himmel, als würden sie Gnade erflehen. Ich kämpfe mit den Tränen und wage nicht, die Lage meiner sich verkrampfenden Hand zu verändern.

Und dann wird sie plötzlich ganz still und friedlich. Ich halte den Atem an, empfinde den Augenblick des Todes. Auch Mozart schweigt, der behütete Tod dieses kleinen Geschöpfes hat ein Requiem lang gedauert. Und dann der Augenblick, wo man meint, die Seele des Tieres in Frieden entweichen zu sehen. Mit Tränen in den Augen bin ich dennoch glücklich, dem Augenblick des Sterbens die Würde gegeben zu haben.

Ich schaue aus dem Fenster, der Nebel ist noch immer nicht aufgestiegen!

Ich gehe hinaus und bette sie in die Erde, die nach Vergänglichkeit duftet und meine Gedanken eilen zu unseren krebskranken Kindern, die hier in Ungarn noch immer kein Hospiz haben, um in Würde sterben zu können, aber ich weiß, dass uns Menschen zur Seite stehen, die uns diesen Traum wahr machen werden.

Um uns herum ist viel Lautes- und viel Einsamkeit. Wer neben sich einen Schritt im Gleichklang spürt, darf dankbar sein!

 

Mittwoch, 29.9.2010

 

Am Wochenende besuche ich im Rahmen unseres mobilen Hospizdienstes oft auch Eltern, die vor wenigen Tagen erst ihr Kind durch diese schreckliche Krankheit Krebs verloren haben und sehr oft höre ich dann den Satz:

„Ich sehe in meinem Leben keinen Sinn mehr!“

 

Es ist sehr schwierig für mich, darauf zu antworten, glauben Sie mir das bitte, und zwar deshalb, weil die Menschen abstrakt so gut wie niemals an Sinnlosigkeit leiden. Die Ursachen scheinen mir wie folgt zu sein:

 

Der Sinnesverlust geht darauf zurück, dass starke gefühlsmäßige Verbindungen mit der Welt durch Ängste und Schuldgefühle blockiert sind. Zum Beispiel:

Ein Mensch, der einem sehr nahe stand, der einem alles bedeutete, ist durch Krankheit, oder ein anderes „sinnloses“ Ereignis zu Tode gekommen. Dann ist die ganze Welt wie leer geräumt.

Solche Momente sind tiefe Krisen auch der Sinnfindung. Sie können strukturell in im eigenen Charakteraufbau, in schweren Gehemmtheitsstrukturen liegen, aber es kann auch momentan alles zusammenbrechen, worauf man sein Leben gegründet hat.

Es geht nicht anders, als dass man dann, wenn irgend möglich,versucht zu zeigen, wie viel an Wert und Kostbarkeiten in dem eigenen Leben liegt. Es ist wunderbar, dass es diesen Menschen gab, der mit seiner Liebe und Wärme alles geschenkt hat, auch an Entdeckung der eigenen Würde, an Mut und Stolz zum Leben. Aber gerade, wenn das alles so war, dann galt es doch nicht einfach, weil der Andere so gütig war und ein wichtiger Mensch, sondern er hat mit hellen, wachen Augen deine Wahrheit gesehen. Er hat dich so gesehen, wie du wirklich bist, und das ist durch nichts zerstörbar. Im Letzten nicht einmal durch den Tod.

Deshalb finde ich mich dann immer wieder beim Aussprechen meines Satzes wieder:

 

Es gibt kein Reich der Lebenden und ein kein Reich der Toten.

Es gibt nur ein einziges Reich der Liebe, in dem wir auf immer gemeinsam sind!

 

Ich glaube, dass wir uns als Mensch nur richtig entwerfen können, wenn wir spüren, woran wir uns mit allem Gefühl und mit aller Leidenschaft unserer Person wirklich hängen können, wofür es lohnt, sich mit Haut und Haaren zu engagieren- und das genau ist die Liebe, denn diese wirkt über den Tod hinaus.

 

Friedrich Nietzsche formulierte es so:

 

„ Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

 

B.F.

 
 

 

 

Dienstag, den 5.01.2010

 

 

Nun also wieder: diese ersten Schritte. Diese ersten tastenden Schritte hinein in ein neues Jahr. Diese völlige Ungewissheit, was es wohl für uns bereithalten wird, aber auch die nimmer endende Zuversicht, dass wir die Not unserer anvertrauten krebserkrankten Kinder durch unsere Arbeit lindern können.

 

Wussten Sie schon, dass jährlich in Ungarn ca. 2000 Kinder im Alter von 0-6 Jahren an Krebs erkranken? Kinder, die leben wollen, die ein Recht auf unsere besondere Zuwendung haben, so meinen auch die Mitglieder unseres Fördervereines.

Gewiss, die Ärzte und Schwestern in den onkologischen Kliniken tun alles, was in Ihren Kräften steht, um das Leben dieser hilflosen Kinder zu retten, doch auch Ihnen sind Grenzen gesetzt.

 

Liebe Leserinnen , liebe Leser!

 

Möge es mir jetzt gelingen, Ihre Herzen und Augen für einen besonderen Notfall zu öffnen. Helfen Sie mit Ihrer Spende, das Leben von Kindern aus unserer Region zu retten, die in Abteilungen der Kinderonkologien Ungarns auf besondere Medikamente angewiesen sind, die in Ungarn noch nicht lizenziert, und deshalb nicht von der Krankenkasse abgerechnet werden können. Wenige 100 km entfernt können diese erworben werden, auch wenn sie sehr teuer sind. Da ist die Voraussetzung dafür, dass eine Chemotherapie die Tumorzellen vernichten können.

Ja, es sind nur einige Kinder, deren Augen verzweifelt in die Zukunft schauen. Doch ich meine, auch diese Kinder sind unsere Zukunft und haben ein Recht zu leben, doch die Möglichkeit dazu, setzt Ihr Mitgefühl, Ihre Spende voraus

 

Ich bin mir sicher, dass wir das schaffen und ich verspreche Ihnen, sollten Mittel aus Ihrer Hilfe übrig bleiben, werden diese direkt zur Finanzierung unseres Kinderhospizes „Regenbogen-Kinderland“ fließen, das unheilbaren Kindern und deren Eltern eine behütete Bleibe bietet, betreut von unseren Psychologen, Sozialarbeitern und Vertretern der Religionen,

um in Würde und Geborgenheit sterben können, denn auch das gehört zum Leben.

 

Ich danke Ihnen

 

Bert Fröbe ( Vorstand)

 

 

Sonntag, den 13.12.09

 

 

Ich gebe zu, ich war erschrocken, als ich vor einigen Tagen morgens die erste Eisschicht auf den Scheiben meines Wagens entdeckte. Das Eis klebte wie ein Menetekel am Glas, als wollte es sagen: Ich bin da, mein Freund, ich, der Winter und du bist selbst schuld, wenn du den Sommer nicht genossen hast!

 

Doch Eis und Schnee können mich nicht schrecken, auch nicht der kühle Wind, ist doch diese Ruhe, Einsamkeit und Melancholie der reinste Balsam für meine Seele, denn die Zeit des Nachdenkens hat Einzug gehalten und fordert ihr unabdingliches Recht.

 

Ich kratze die Scheiben frei, steige ein und lade einige Geschenke ins Auto und fahre in die Dunkelheit hinein, die in Ungarn schon ab 15 Uhr beginnt.

 

Nach einigen Kilometern biege ich von der Strasse ab in die Mündung eines Sandweges hinein, der sich in der Unendlichkeit der Puszta zu verlieren scheint.

Nach einigen Kilometern halte ich an, um diese Stille, fernab des zivilisierten Lebens in mich einzuatmen, aber auch diese schwarze Dunkelheit fernab der Stadt, kein Elektrosmog, nur Dunkelheit in all ihrer Reinheit, so, wie es am Tag der Schöpfung gewesen sein muss, als der Mensch noch nicht sein verhängnisvolles Werk der Zerstörung zelebrieren konnte.

 

Ich schließe meine Jacke und es fallen mir die Verse Erich Kästners ein:

 

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.

Was vorüber schien beginnt.

Chrysanthemen blühn und frieren,

fröstelnd geht die Zeit spazieren

und du folgst ihr wie ein Kind.

 

Geh nur weiter, bleib nicht stehen,

kehr nicht um, als sei`s  zu viel.

Bis ans Ende musst du gehen,

hadre nicht mit den Alleen.

Ist der Weg denn schuld am Ziel?

 

Geh nicht, wie mit fremden Füßen,

und als hättest du dich verirrt.

Willst du nicht die Rose grüßen?

Lass den Herbst nicht dafür büßen,

dass es Winter werden wird.

 

Blätter tanzen sterbend heiter

ihre letzten Menuette.

Folge folgsam dem Begleiter,

bleib nicht stehen, geh nur weiter,

denn das Jahr ist dein Gesetz!

 

Nebel zaubert in der Lichtung

Eine Welt des Ungefährs.

Raum wird Traum und Rauch wird Dichtung.

„Stirb und Werde!“ , nannte er`s

 

Beruhigt und erfüllt mit Frieden setze ich meine Fahrt fort und gelange nach 30 Minuten an eine kleine Tanya inmitten dieser herrlichen ungarischen Steppe.

Die Hunde haben mich schon gehört und empfangen mich aufmerksam, wissen sie doch, dass auch für sie immer eine kleine Leckerei in meinen Taschen ist.

 

Eine alte, schon gebückt gehende Frau empfängt mich und ich bücke mich zu ihr herunter, um deren Wangen zu küssen.

Wir gehen ins Haus hinein, in ein winziges Zimmer, das ein alter Eisenofen notdürftig wärmt.

 

Ich trete vor das Bett der kleinen Marika, die ungeheilt aus dem Krankenhaus entlassen wurde und sich nun auf ihrem letzten Weg befindet.

Ich spüre die kleinen Hände in den meinen, während ein freudiges Lächeln mich begrüßt.

Wortlos nimmt sie mein Geschenk entgegen, eine kleine Krippe aus Holz, die ich vor Jahren aus dem Erzgebirge mitgenommen haben.

Ihre Hände streichen über Maria und Joseph und das Christuskind, das Lächeln immer noch beibehaltend. „ Ist das der kleine Jeszus?, fragt sie und die Art, wie sie in ungarisch den Namen ausspricht, zeugt von soviel Liebe in der Seele des Kindes, dass ich meine Rührung kaum zurückhalten kann. Verschämt wische ich über meine Augen und sage: „ Ja, das Christkind ist auch jetzt bei dir und wird es immer sein, sei dessen gewiß!

 

Die Mutter setzt die Krippe auf einen kleinen wackligen Tisch neben dem Bett und ich stelle noch eine brennende Kerze dazu.

Nach wenigen Minuten schläft das schwache Kind ein und ich sitze mit der Familie noch stundenlang im Zimmer, nur von einer winzigen Lampe beleuchtet, deren Licht Schatten an die Wand wirft, die die Unwirklichkeit des Augenblickes widerspiegeln.

 

Mir wird bewusst, wie einsam diese Menschen jetzt in ihrer schwersten Stunde sind. Umso wichtiger , ihnen helfend zur Seite zu stehen.

 

Als ich mich erhebe, um wieder in die Nacht hinein zu fahren, überreiche ich der Mutter noch ein wichtiges Schmerzmedikament, das ich ihr in Deutschland gekauft habe, um wenigstens Schmerzen lindern zu können, auch Dank der Hilfe fremder Menschen.

 

Ich fahre zurück in die Nacht, die Räder suchen sich ihren Weg und als ich wieder auf die Strasse einbiege denke ich:

 

Ja, es gibt zwei Welten und ein jeder von uns kann entscheiden, in welcher er leben will.

Hier das Ewige, das den wirklichen Frieden in der Seele trägt und dort die Welt des Eigennutzes, des Egoismus, der in einer Sackgasse, dem „Nichts“ enden wird.

 

Und so fühle ich mich reich beschenkt an diesem denkwürdigen Tag!

 

Bert Fröbe

 

 

 

Sonntag, den 6.12.09

 

Nun sind sie vorüber, die Tage des Lichtes, der Wärme und der unendlich langen Sonnenstunden, die uns in einen Rausch zu versetzen drohten.

Die Träume von fernen Ländern und Glückseligkeit für kurze Zeit geträumt, längst hat sie der Alltag wieder aufgefressen und uns in den gierigen Schlund zurückgezogen.

 

Es sind zugegeben keine glücklichen Gedanken, die in mir leben, als den Saal betrete, in dem wir uns zur Vollversammlung unserer Kinderkrebshilfe verabredet haben.

65 Mitglieder sind erschienen, vorwiegend Frauen, die selbst das Schicksal eines krebserkrankten Kindes erlitten haben und nun für die Zahl der ständig steigenden neuen Schicksale selbstlos zur Verfügung stehen.

 

Als ich mich zur Ansprache erhebe, lasse ich meinen Blick in die Gesichter aller schweifen, verharre wenige Augenblicke, denn es sind sorgenvolle Augen, die in mein Gesicht blicken, weil natürlich längst bekannt geworden ist, wie schlimm unsere finanzielle Situation ist, da wir kaum Spenden erhalten haben und der Fortbestand dieser nützlichen Arbeit nicht gesichert scheint.

Ich muss Ihnen Hoffnung geben, denke ich im Anblick der Gesichter und beginne mit den Worten: „ Lassen Sie mich von Liebe reden, Liebe, die über der Gabe immer den Geber sucht, Liebe, die das scheinbar unmögliche leisten kann, dem Schicksal den schwarzen Schleier des Übermächtigen herunter zu reißen. Liebe, die alles in der Welt verändern kann, wenn wir nur an deren Kraft glauben, denn nicht fehlendes Geld, sondern fehlende Liebe ist der Henker unseres Lebens und Liebe, ist genau unsere Stärke und die Hoffnung, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich auch dann mit kleinen Spenden unsere Arbeit ermöglichen, denn um ganz ehrlich zu sein, wie oft hatten wir schon eine solche Situation und immer wurde uns geholfen!

Ich berichte den andächtig lauschenden Menschen, dass in Deutschland eine ganz andere Spendenmentalität besteht, die sich in Ungarn erst noch entwickeln muss. Unvorstellbar der Gedanke, dass unsere Mitglieder mit dem Fahrrad bei jedem Wetter weit in die entlegen Tanyas fahren, um Eltern im Hospizdienst aktuellen Beistand zu leisten und dies alles, ohne je einen Forint Entschädigung zu erhalten zu haben. Das, so fahre ich fort, ist unsere eigentliche Stärke- Nächstenliebe zu praktizieren, so, wie sie die Religionen mit Recht fordern.

Seien wir also reinen Herzens, voller Erbarmen und fest im Glauben an die Kraft der Liebe, die uns immer ans Ziel geführt hat, auch wenn es oft die Flügel des Todes waren, die uns alle ständig umflattern und die Versuchung mit sich führen aufzugeben.

Geben wir also dem Gevatter Tod nicht die Genugtuung, uns im Glauben an die Liebe besiegen zu können! Lassen Sie uns fortfahren in unserer Arbeit, egal wie schwer sie zu bewältigen sein wird! Haben wir nicht alle selbst das Schicksal schwerkranker und sterbender Kinder am eigenen Leibe erfahren müssen?

Spüren wir weiterhin die Kraft, die uns gerade in solchen Situationen gegeben wurde?

 

Wieder blicke ich in die Augen meiner Zuhörer und bemerke, wie sie sich aufzurichten beginnen, den Schatten ihrer Gedanken hinter sich lassend und bereit, den Weg fortzusetzen, den das Leben ihnen bereitet hat.

Nun zähle ich auf, was wir in diesem Jahr alles geleistet haben und das kann sich wirklich sehen lassen!

Sodann besprechen wir unseren Einsatz am Weihnachtsabend und alle sind bereit, auch am 24.12. uneingeschränkt mit Geschenken zu den betroffenen Familien zu gehen!

 

Als wir uns verabschieden, liegen sich viele in den Armen und machen sich Mut für diese schwere Zeit! Auch ich habe Tränen in den Augen, so überwältigend ist dieses Gefühl der Verbundenheit in der Not!

Eine von Leid gebeugte Frau, deren Kind erst vor wenigen Tagen gestorben ist drückt mir die Hände, beugt sich zu mir und flüstert mir weinend ins Ohr, dass sie ab sofort für den Dienst im Hospizwesen bereit ist, auch am „Heiligen Abend“

 

Als ich ins Auto steige, um ins Dunkel der Nacht abzubiegen, in die unendliche Weite der Puszta, überkommt mich ein Gefühl des Friedens und der Liebe. Ich atme dieses tief in mich hinein, denn solche Momente sind es, die meine Seele immer wieder gesunden lassen!

 

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser ist es Ihnen möglich, auch ihr Herz mit einer kleinen Spende für die in der ungarischen Gesellschaft fast unbeachteten Schicksale kranker und sterbender Kinder mit einer kleinen Spende zu öffnen.

 

An einer einsamen Stelle , direkt unter einem großen Ölbaum halte ich an, steige aus, lehne mich an diesen ,blicke in einen Himmel voller Sterne und beginne all die Seelen unserer verstorbenen Kinder dort oben zu suchen, um gerade jetzt bei ihnen zu sein und sie wissen zu lassen, dass sie nie vergessen werden!

 

Bert Fröbe

 

 

 

Montag, 2. November 2009

 

 

Ich hoffe, Sie haben die Uhren pünktlich umgestellt und somit die Gabe einer Stunde freudig entgegengenommen?

Hüten wir uns hochmütig zu sein: „ Pah, was ist das schon, eine Stunde im Strom der Zeit!“ Noch dazu in diesem Startrausch des neuen Jahrtausends!

Für Philosophen, die in langen Distanzen denken, für die Kirchen, die Warntafeln aufstellen mit: „Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Prediger Salomo)- mögen ein paar Stunden nichts weiter sein als das, was für einiger Banker Millionen sind, nämlich Peanuts.

Aber für uns, die wir zu den Endverbrauchern von Zeit und Lebenszeit gehören, und nur dann genau wissen, was die Stunde wirklich geschlagen hat, wenn wir auf die Uhr und nicht in die Gesichter der Politiker, oder gar der Dichter, wie Günther Grass schauen?

Gilt noch immer das alte Wort: „Dein ist nichts, als diese Stunde, in der du lebst?“

Sie ist mal grau, mal schön, mal gefährlich und vor allem aber – auch wenn wir es uns nicht vergegenwärtigen- immer kostbar!

Eine Stunde- was kann da nicht alles geschehen?

Ein Mann lernt eine Frau fürs Leben kennen, genau in dieser Stunde, in keiner anderen. Ja, Liebe kommt, wann sie will!

Ein Junge jagt nach einem Ball, ein Auto kann nicht bremsen, der Junge wird lebenslang zum Krüppel, in dieser Stunde, weil diese es so wollte.

 

Seit dem 15, Jahrhundert bezeichnet die Stunde einen genau bemessenen Tagesabschnitt, der 60 Minuten umfasst. Aber Stunden, wie Minuten haben eines gemeinsam: Sie rauschen dahin wie Pfeile Gottes und die Erkenntnis, was man von der Minute ausgeschlagen hat, gibt keine Ewigkeit zurück, wird doch für uns allzu oft zur bitteren Erfahrung:

Wenn wir ein Lächeln nicht erwidern und die Schöne von dannen zieht,; wenn ein Kind um ein Spiel bettelt und wir „ Wichtigeres“ zu tun haben, um dann nie wieder zu einem Spiel eingeladen zu werden; wenn uns inständig jemand um Verzeihung bittet und wir ihm kühl erwidern ,darüber erst noch einmal schlafen zu müssen. Zerstören wir da nicht das zarte Geflecht des miteinander Lebens?

 

Wir sehen, eine Stunde hält viel für den Maskenball unseres Lebens bereit.

Dennoch bleibt für mich die verblüffende Erkenntnis, die ich ganz einfach artikulieren möchte:

 

Manche Menschen können in einer Stunde länger dableiben,

als andere in einer ganzen Woche!

 

Sonntag, 11.10.2009


Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, die mich in den letzten Tagen tief betroffen machte und deren Mutter, aus der nach dem Tod ihres geliebten Kindes, die ganze Glut eines unerfüllten Lebens hervorbrach.

 

Nie schien die Sonne schöner und wärmer als an jenem Tag, als ein kleiner Trauerzug den Friedhof in einer ungarischen Kleinstadt erreichte.

Hinter einem weißen, winzigen Kindersarg lief die Mutter mit tränenlosen Augen, den Blick zu Boden gerichtet, um das Unfassbare nicht auch noch sehen zu müssen, vielleicht sogar verneinen zu wollen.

Unsere ehrenamtlichen Helferinnen vom Hospiz hatten Kind und Mutter bis zum letzten Atemzug aufopferungsvoll begleitet und wie gut, dass ich Wochen vorher Medikamente gekauft hatte, die sich diese arme und leidgeprüfte Mutter niemals hätte leisten können.

Als ich bei der Übergabe am Bett des kleinen Mädchens saß und mich darüber freuen konnte, dass unmittelbar nach Einnahme der Tabletten sich deren schmerzverzerrte Gesichtszüge entkrampften, wusste ich, dass das ein Tag, ein ganz besonderer Tag werden würde.

Plötzlich begann sie zu sprechen und mit einem kleinen Elefanten zu spielen, den sie auf einem Bild gesehen hatte.

„ ich hab ihn lieb“, sagte sie und lächelte. „ Er Dich auch“, erwiderte ich und es entwickelte sich ein wunderbares Gespräch, bis ihr Kopf erschöpft ins Kissen sank.

 

Die Glocken der kleinen Kapelle läuteten, der Zug bewegte sich nach einer kleinen Zeremonie eine Allee entlang zur jener Stelle, die dem Mädchen zur letzten Ruhestätte auserkoren war.

Als sich der Sarg in die Grube bewegte, sank die Mutter in die Knie mit gefalteten Händen und just in diesem Augenblick legte sich eine kleine weiße Wolke vor die Sonne, ich verfolgte sie mit den Augen und mir wurde gewahr, dass sie die Form eines kleinen Elefanten hatte!

Ich brachte die von Leid gebeugte Frau zurück in ihr Heim, und da sie weder Mann noch weitere Kinder hatte, würde sie allein im Gram versinken.

Sie sprach während dieser Zeit kein Wort, wie versteinert wirkte ihr Gesicht, während sie uns einen Tee zubereitete.

Eine Stille, wie sie stiller nicht sein konnte hüllte uns ein, eine Sprachlosigkeit, ob der Unfassbarkeit dieses Augenblicks.

Sie stellte den Tee auf den Tisch und setzte sich neben mich, den Blick richtungslos in die Ferne gerichtet.

Ich fasste intuitiv ihre Hand, worauf sie ihren Kopf vorsichtig abwartend an meine Schulter lehnte. Ich spürte, wie die Frau am ganzen Körper zitterte und kurz vor einem Zusammenbruch stand.

Lange saßen wir so sprachlos nebeneinander, nur das Ticken der Uhr verriet, dass die Zeit nicht stehen geblieben war.

Ich erschrak selbst, als ich meine Stimme sagen hörte: „ Nun hat unsere Kleine- ich sagte bewusst- unsere- um einen Teil des Leids auch auf mich zu nehmen, endlich ihren Frieden gefunden und ich bin mir sicher, dass sie uns, den kleinen Elefanten in den Händen haltend, jetzt von irgendeinem Ort zulächelt.

Nun begann auch ein winziges Lächeln über die Gesichtszüge dieser Frau zu gleiten. Sie wandte ihren Blick mir zu, sah mir in die Augen und ich bemerkte, wie ihre Hände die meinen fest zu drücken begannen und dann begann sie zu sprechen, erst verhaltend und unsicher, dann in wohlgeformten Sätzen:

„Wissen Sie, ich war in meinem Leben nur einmal glücklich!“ Ich schwieg und wartete ab, ob sie weiter sprechen würde.

„ Als kleines Mädchen, fuhr sie fort, habe ich meinen Vater über alles geliebt, auch dann noch, als ich mit ansehen musste, wie er Mutter und uns fast täglich ohne ersichtlichen Grund zu schlagen begann. Wir Kinder weinten dann und wollten der Mutter helfen, doch diese wehrte immer ab und sagte: „ Bitte nicht, Vater meint das nicht so!“

Kaum erwachsen, verließ ich das Haus, weil seine Berührungen und Küsse nicht mehr die eines Vaters zu seiner Tochter waren….

Sie konnte nicht weiter sprechen, denn Tränen verschnürten ihr den Hals.

Dann endlich , fuhr sie fort, bekam ich mein Kind und alle Liebe dieser Welt wünschte ich ihm und tat alles dafür und nun das !

Ich wusste darauf keine Antworte und schwieg, wohl wissend, dass wir Menschen keine Antwort darauf haben.

Minuten später sagte ich: „ Uns Menschen ist auf diesem Planeten auch deshalb Zeit gegeben, um diese Welt vielleicht ein kleines bisschen gerechter zu machen und unsere Hilfe anderen leidgeprüften Menschen zuteil werden zu lassen!

Wenige Tage danach schrieb mir diese Frau, dass nun ihre Hilfe unserem Hospiz anbiete, sie wolle anderen Menschen ein Hilfe sein!

Ist das nicht eine wundervolle Geschichte, geboren im Leid?

 

Bert Fröbe

 

 

 

 

 

Dienstag, 1. 09.09

 

 

Millionen Wörter rauschen an dir vorbei, Du wirst zugeschüttet mit Informationen, mit Banalem, wie Wichtigem, mit Beschwörungen der Politiker und Funktionäre aller Couleur, auch mit allerlei Glitzerkram aus dem Zirkus unseres Lebens.

 

Die ganze Farbenskala, von Gut bis Böse, leuchtet Tag für Tag grell vor Dir auf, blendet Dich, ermüdet Dich und lässt dich irgendwann mit dem Gefühl zurück:

 

Und was von all den Worten soll gut sein für meine Seele?

Das ist der Augenblick, da Du an den Bücherschrank trittst, das eine oder andere Buch heraus nimmst, in ihm blätterst und dann: Du findest in einem Roman, in einer Biografie, in einem Gedicht- ein paar aneinander gereihte Buchstaben, in denen sich widerspiegelt, was Du im Unterbewusstsein in Dir trägst.

Und dann sagst Du zu Dir selbst: Ja, das ist es, genauso ist es!

 

Ein glückliches Gefühl, weil es Dich mit der Welt da draußen verbindet, weil es Dir zeigt, dass Du mit Deinen Fragen, Sorgen, Gedanken nicht allein bist.

 

Es ist diesmal kein deutscher Dichter, kein Goethe, der ja immer für alles herhalten muss, nein- das Buch eines chilenischen Dichters fiel mir in die Hand, dessen Memoiren den stolzen Titel tragen: „ Ich gestehe, ich habe gelebt!“

Ein Lyriker, der 1971 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, Pablo Neruda.

 

Und jene Zeile, die mich tief beeindruckte und mir mitten in die Seele drang, war:

 

„ Es war so schön zu leben, da du lebtest!“

 

Es geht um die Liebe, die den einen Menschen meint, und nur diesen, nicht um die Liebe von jener Art, die heute so oft im schwange ist: Ist es nicht der eine Partner, ist es eben ein anderer!

Pablo Neruda bedankt sich also dafür, dass er in die Zeit des Anderen hinein geboren wurde.

Welch eine Größe des Gefühls, in der Macht der Gedanken.

Dafür danken heißt: an den denken, von dem ich etwas bekam, dem ich etwas verdanke.Liebe gehört zum Leben wie das Atmen!

Liebe bewahrt in schweren Stunden vor Verzweiflung und in guten Tagen vor Übermut.

 

Ohne Liebe leben zu müssen, bedeutet unendlichen Verzicht, denn Liebe sucht über der Gabe immer den Geber und wird somit selbst zur Quelle der Liebe.

 

Und diese,wirkt weit über den Tod hinaus!

 

 

 

Samstag, den 22.8.09

 

 

Es ist nicht zu übersehen, liebe Freunde, wir sind Augenmenschen geworden!

Wir leben in einem Zeitalter der optischen Inflation. Wir sehen Bilder, die keine Generation vor uns sah. Wir habe Teleobjektive, die aus hunderten Kilometer Höhe ein Straßenschild fotografieren können und wir sind in der Lage, Bilder durch das Universum zu schießen.

Wir werden überflutet mit Signalen und diese Sturmflut nimmt keine Ende!

Aber können wir auch sehen? Schauen wir wirklich genau hin?

Nein, diese Epoche ist nicht mehr die, des wirklich stillen Sehens!

Sie verhält sich zu eilig, zu zerstreut, zu störrisch gegen das Einzelwesen. Sie ist nicht mehr in der Lage, bei einem Gesicht zu verweilen, denn der Ausdruck dessen, rührt sie nicht. Es ist traurig aber wahr-ihre Verehrung gilt nur den Schattenrissen!

An diesem trostlosen Befund wird sich auch nichts ändern, es wird ehr noch schlimmer werden!

Warum, fragen sie?

Weil sich die Bilder, die uns brutal bedrängen und überfordern, einfach gigantisch vermehren werden. Wir sind das Fernsehen gewöhnt, nicht nur beim Blick auf die Mattscheibe, die zu Recht so heißt und haben dabei das Nahsehen verlernt! Nahsehen bedeutet Hinsehen, und das heißt; Im Antlitz eines Menschen, der Fröhlichkeit vielleicht nur mimt, die Spuren zu entdecken, die von seinem wahren Befinden künden und sich damit auseinander zu setzen.

Nein, wir verweilen nicht mehr in einem Gesicht, sondern tasten es blitzschnell ab, wie diese Scanner im Supermarkt die verschlüsselten Preisangaben. Und für das , was wir brauchen an Orientierung, genügt diese Blitzinformation.

Aber natürlich bezahlen wir dafür einen Preis: Die Kühle, die durch alle Ritzen dieser Gesellschaft eingezogen ist.

Nun fiel mir durch eine wundervolle Begegnung  ein Bild in die Hand, das sich tief in meine Empfindungen gebrannt hat.

Da sieht man einen kleinen Elefanten, nicht wie üblich in der afrikanischen Steppe, sondern wundersam verfremdet und doch ganz nah, dem Auge des Betrachters zugewandt.

Mit Hilfe der Thermografischen Fotografie hatte die Fotografin quasi in das Innere des kleinen Tieres geschaut, mit einem erstaunlichen Ergebnis:

Obwohl die Konturen des Tieres erkennbar sind, spiegeln sich doch in ihm Lebensprozesse des Augenblickes in verschiedenen Farben zu einem berührenden Gesamtbild.

Ich fühlte mich in den Augenblick der Genesis zurückversetzt, als Gott die Worte sprach: „Es werde Licht!“ Ich nahm in mich auf, wie verletzlich und doch vollkommen so ein kleines Lebewesen ist, wenn es vom dem Drumherum des Lebens noch nicht geprägt worden ist. Und sank in tiefes Nachdenken über die Zerbrechlichkeit unseres Lebens und die ureigenste Notwendig, Leben zu schützen und einmal richtig „nah zu sehen“.

Ja, das Nahsehen blieb auf der Strecke, ausgenommen vielleicht den wundervollen Zustand, den wir Liebe nennen: oder wenn wir Gefahren wittern, die uns zwingen, besonders scharfsinnig zu sein.

Nächstenliebe ist immer schwerer zu bewältigen, als Fernliebe. Ein Scheck für hungernde Kinder in Afrika auszustellen ist leichter, als ein krankes Nachbarkind zu pflegen.

 

 

Und wissen wir wirklich, wen wir im Laufe des Tages unbewusst verletzen, weil wir verlernt haben, genau hin zu schauen?

Also, sollte sie mal ein unbekannter, vielleicht aus der Nachbarschaft fragen: Haben sie mal fünf Minuten Zeit, dann weichen sie nicht aus, bestimmt braucht er Ihre Hilfe, selbst wenn er nur fünf Minuten sich seiner Einsamkeit entledigen will

 

Foto Elefantenbaby:

www.ries-thermografie.de

 

 

Dienstag, 11. August 2009

 

 

Da steht dieser Satz: „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden“

 

Ein Satz, der in die Glieder fährt. Ein Satz, der morgens gelesen, den bevorstehenden Tag zu einer wahren Angstpartie werden lässt: Denn wie soll man es anfangen, dem vielleicht schönsten Tag des Lebens den Teppich auszurollen?

Soll ich sofort den Koffer packen, um eine alte Sehnsucht auszuleben, oder soll ich alte Bekannte treffen, damit wir uns abends in weinseliger Runde treffen, oder was sonst

Das Büro, das kann es nicht sein! Die Konferenzen, die Akten, die Positionskämpfe, das alles hat das alte Sprichwort sicher nicht gemeint.

Ich komme mir plötzlich so hilflos vor: Wie reicht man dem Glück wenigstens den kleinen Finger, damit es vielleicht die ganze Hand ergreift?

Und plötzlich erkenne ich: Es geht gar nicht! Das Sprichwort verlangt zu viel.

Das wunderbare an unserem Leben ist ja gerade, dass jeder Tag morgens wie ein unbekannter Freund daherkommt, den wir erst langsam für uns gewinnen. Und dass wir das unbeschwert tun, frei von hoch zielenden Erwartungen.

Ist nicht ohnehin eine nie zuvor erlebte Unruhe in uns geschürt worden, die uns ständig befürchten lässt, am „süßen Leben“ vorbei zu leben, im im Alltag zu ersticken, die Addition von lächerlichen Kleinigkeiten irrtümlich für die große Summe zu halten?

Wer sich durch die gängigen Lebenskunst-Bücher unserer Zeit hindurch liest, stößt überall auf die einzige ernsthaft dargebotene Erkenntnis, dass nichts so wichtig ist wie das Heute-das Gestern ist vorbei, das Morgen noch nicht da-, und dass wir die Blumen schnell pflücken sollen.

Aber im Trommelfeuer dieser Beschwörungen kann man leicht in die Knie gehen, die eigene Mitte verlieren, die Ruhe obendrein. Wir können nämlich gar nicht so viel leben, wie wir leben möchten.

Doch es gibt Trost, wenn wir zurückblicken: Wüssten wir wirklich genau jenen Tag zu benennen, der wirklich der wahrhaft „schönste“ Tag gewesen ist?

War es die Geburt eines Kindes, oder der Tag, an dem man nach einer schweren Operation aufwachte, wie neugeboren?

Vielleicht war es aber auch nur ein Tag ohne alle Dramatik- ein stiller Tag am Meer, als als man mit den Wellen, dem Wind und mit sich selbst in einem Einklang voller Zauber war?

 

Der schönste Tag kommt immer ohne Vorankündigung, und er nimmt sich-dem Kalender zum Trotz- die Chance selbst.

 

Wir können da nichts, aber auch gar nichts tun!

 

 

 

Samstag, o6. Juni 2009

 

 

Der berühmte Maler Ludwig Richter spricht des Öfteren von den den „unteren und oberen Einflüssen“

Wohl wahr, denke ich- unser Leben ist tatsächlich zwischen diese Einflüsse gestellt. Nur geschieht es bei den meisten, dass sie gleichsam in der Schwere ihres Alltags einsinken, sie rühren schließlich kaum noch Arme und Füße, am allerwenigsten aber die Seele. Sie lassen sich willenlos treiben und sacken immer tiefer ein, bis einmal die letzte Strandung kommt.

An Inseln, da sie ruhen und sich selbst wieder finden könnten, treiben sie vorüber in einer für sie immer verhängnisvolleren Gleichgültigkeit! Das“ Ach, wozu noch?“ ist für sie zur ständigen, fast mechanischen Lebensart geworden.

 

Es gibt Zeiten, die mit ihren unteren Einflüssen besonders gefährlich sind. In solch einer Zeit leben wir jetzt. Die Menschen sind tatsächlich wie versackt treiben  vor sich hin. Die einen haben Sorgen und Hilflosigkeit im Würgegriff, den anderen sitzt der Mammonteufel im Genick und treibt mit ihnen grinsend dahin, bis er sie eines Tages ganz abgewürgt hat.

 

Und dazu haben die meisten gelebt und sich abgeplagt?

 

Mit ganzer Bewusstheit gilt es, im Strom des unteren Lebens zu stehen und sich mächtig darin zu rühren. Dieser Strom muss sein, damit wir aus ihm und in ihm die notwendige Wirklichkeit schaffen, um überhaupt zu leben, um die Mittel und Fundamente des äußeren Lebens in jeder Form zu gewinnen. Diese untere Wirklichkeit ist ferner dazu da, dass wir an ihr wachsen, ihren Hemmnissen und Trübungen, ihrem strudelvollen dahinbrausen, dass auch das Böse dieser Welt im faustischen Sinne schließlich für uns, ohne dass wir ihm verfallen, eben, damit wir es bekämpfen, zu einem Wachstum wird.

 

Also- „ unter der Wolke gilt es zu schaffen!“

 

Doch, die untere Wirklichkeit muss uns Dienerin für die höhere werden, muss uns die äußeren Bedingungen für sie schaffen! Niemals darf sie Selbstzweck sein; niemals ist sie der Sinn der Welt! Wer das meint, der hat noch nicht erfasst, trotz allen Besitzes und aller Verstandestüchtigkeit, wozu er auf der Welt ist!

 

„ Die höhere Wirklichkeit“ , das ist der Sinn unseres Lebens! Sie aus dem Kampfe im Strom des unteren Lebens, der unteren Einflüsse, sie aber zugleich auch aus den „oberen“ Einflüssen zu gewinnen!

 

Wie viele haben aber überhaupt noch die Fähigkeit, infolge der äußeren und inneren Trostlosigkeit an den Strom des „oberen“ Lebens heranzuragen?

Aber nicht immer tragen sie allein die Schuld. Diese liegt oft bei denen, die ihnen das Leben gaben, die sie erzogen. Wer nicht im Elternhaus, und sei es im allerbescheidensten, einen Hauch der höheren Wirklichkeit verspürte, wer nicht an sie „gewöhnt“ wurde, der hat es schwer, die ergreifende Schönheit der höheren Einflüsse zu erkennen und zu fühlen.

 

Wie aber tröstet man eine Mutter über den Verlust ihres geliebten Kindes hinweg, fast täglich fühlen wir uns vor diese Aufgabe im Hospiz gestellt.

Ich  versuche mich in den Verlust und die Einsamkeit im Herzen, die immer zurückbleiben wird bei solch einem Verlust, hineinzufühlen. Wie man in seine Einsamkeit und Trauer hineinblickt, so schaut man aus ihr heraus. Und das ist das Seltsame, die Trauer und Einsamkeit gibt das Dunkle vielfach zurück, aber auch das Licht. Es liegt ganz an uns, wie sich unsere Einsamkeit zu uns verhält.

Es bedarf der Kraft des Herzens, dem Einzelnen und dem Ganzen! Denn es gilt, noch manches zu tun und zu überwinden, vielleicht auch noch manches zu tragen-

Aber vor allem recht stark und tief zu lieben.

Das Herz, das starke, gläubige, unendlich liebende, ist der wundersamste Helfer zum Sieg über Dunkel und Not.

Wie anders wäre es sonst zu verstehen, dass jene Eltern im Rahmen unserer Kinderkrebshilfe täglich aufopferungsvoll an unserer Seite um das Leben „anderer“ Kinder ringen?

 

Bert Fröbe

 

 

Freitag, 22. Mai 2009

 

 

Auf einer Wiese stand ein einsamer Baum, nicht so schlank gewachsen, wie seine Schwestern im Walde. Seine Äste waren gewunden, wie die Leiber riesiger Schlangen, die aus der Erde quollen und mit ihren Häuptern wieder zur Erde zurückwandern. Wie ein Zauberbaum in einem Märchen war er anzuschauen. Die mächtigen Äste schillerten wie helle Bronze, wie von Schuppen dunklen Goldes bedeckt.

 

So stand er da, der Einsame, ein Bild der Kraft und Herbheit des geschlossenen Wesens. Alles Unstete und Unruhevolle wurde an ihm still und fest. Es war wohl ein Zauber, der von dem Baum ausging, der mich bei seinem Anblick immer wieder  neu erfasste und Märchengespinste in mir aufkommen ließen.

 

So kam es, dass um die Abendzeit die „Nützlichkeit“ über die Wiese schritt. Grau war ihr Gewand und ohne Schmuck. Das Antlitz der grauen Frau, die mit hastigem Fuße , den kürzesten Weg wählend, über das Feld schritt, war von seltener Unbeweglichkeit und Kälte, den Blick zu Boden gerichtet, herb und ohne Herz.

So kam es, dass sie einige goldene Käfer, die über ihren Weg eilten, mutwillig zertrat. Nun endlich stand sie vor dem einsamen Baum, schaute kurz hinauf und lachte.

„Nicht einmal ein gutes Stück Brennholz!“, sagte sie und lächelte abfällig und schritt hastigen weiter auf ihrem Weg, den Blick zu Boden gerichtet und nicht der untergehenden Sonne entgegen, die im letzten wunderbaren Licht in die Tiefe glitt.

 

Nicht lange nach der „Nützlichkeit“ kam ein Mensch über jene Wiese, langsam und mit erhobenem Haupt geschritten, stand vor jenem Baum, blickte in dessen Angstgewirr in die Seltsamkeit der Formen, wie in ein Märchen hinein.

„Seltsamer Baum“, sprach er, „wie schön du bist, wie wunderbar und einzig in deinem Wesen, wie musst du gekämpft haben, wie tief und weit werden deine Wurzeln gehen?“

„Du bist ein Märchenbaum!“, sprach leise der Mensch. Schier im Traum wandte er sich um und sah im warmen Licht der untergehenden Sonne die ganze Herrlichkeit der Schöpfung.

Lange schaute der Mensch in dieses Bild, bis die Farben der Dämmerung verschwanden, und er dachte daran, wie viele Andere wohl unter dem Baum gestanden, oder träumend gelegen hatten, Geschlechter um Geschlechter, Schönheit trinkend und die Freude des Lebens.

 

Es war schon dunkel, als ich aus diesem Traum jäh erwachte.

Mein Blick fiel auf das Gesicht des kleinen Mädchens, an dessen Bett ich saß- ich muss wohl kurz eingeschlafen sein, denn nach der Arbeit fordert der ehrenamtliche Dienst die letzten Kraftreserven, die einem der Tag gelassen hatte.

Die Beatmungsmaschine zischt und tickt, den Puls des Mädchens rettend. Ihre Augen zucken fiebrig und ihre kleinen Hände umfangen einen Esel aus Plüsch , den ihr gute Menschen einmal geschenkt hatten.

Ich empfinde ein tiefes  Glücksgefühl in diesem Augenblick, da ich meine Liebe diesen Kindern voll und ganz schenken darf, denn Liebe ist immer selbstlos und in der Lage, das eigene Ich für Andere zurückzustellen. Selbstlos eben !!!

 

Bert Fröbe

 

 

Samstag, den 16.5.09

 

 

Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die nur von dem Lieblingswunsch besessen sind, eine Zuflucht zu haben, draußen in der Einsamkeit, um von dem Gewirr  der Welt erlöst zu werden. Diese Zuflucht suchen sie in der Einsamkeit, irgendwo in romantischer Gegend.

Diese „ Zuflucht“ wechselt öfters die Gestalt. Doch in welcher Form sie sich auch kleidet, immer nimmt sie den ganzen Menschen gefangen, macht ihn einseitig, Ich-süchtig und hart gegen den Augenblick.

Die Zuflucht wird ihm zum Dämon, bis endlich die große erlösende Erkenntnis über sie kommt, dass die Zuflucht nicht da draußen zu suchen ist, sondern einzig und allein im Inneren! Nun ist sie jenen kein Traum mehr, kein trügerisches Wunschgebilde, sondern ein Ziel.

Der Weg zu sich selbst ist über sie gekommen und damit die wahre Inbrunst zum Leben.

Geht es Ihnen nicht ebenso? Das Gewirr der Welt, das wilde Gestrudel des Alltages, all das dumme Gehetze des Triumphators „Zweck“ frisst arg an uns, und da schreit man im Inneren förmlich nach Zuflucht, sucht sucht sie aber draußen, in stiller Idylle.

Je mehr man aber in der wahren Sehnsucht wächst, desto mehr erkennt man, dass es nicht des äußeren Ortes bedarf, um eine Zuflucht zu gewinnen. Gewiss ist das schön, aber nicht unbedingt notwendig, denn, das die Not des Herzens wendende , liegt im Inneren des Menschen selbst! Das Ziel der innersten Zuflucht will ernsten heiligen Kampf und die Größe des ganzen Menschen.

 

Und eben jener Kampf wird zur Beglückung höchster Art. Jeder treu erkämpfte Schritt bringt neue Sicht ins Land des Unvergänglichen, größere Ruhe, reineres Licht und tiefere Kraft.

Man wächst ins wahre Leben und wird immer lebendiger in den letzten Gründen seines Inneren. Man kämpft sich bis zum Ewigen in sich selbst vor, legt gleichsam die Fundamente seines Menschentums frei, zum Glück für sich selbst und die Anderen. Wir erkennen immer mehr, wie notwenig wir dieses viertel Stündchen Einsiedlertum  brauchen. An jedem Tag, sich diese kurze Zeit zu gönnen, diese Zeit sollte man sich nehmen, denn es segnet mit ungeahnten Kräften.

Mehr Sehnsucht in die rechte Zuflucht, das ist gleichbedeutend mit der Zuflucht ins Reine, Göttliche, in die Welt der reinen Gedanken und Gefühle.

Dann wäre unter den Menschen mehr Kraft, mehr Freude, mehr Sonne, mehr liebendes Verstehen und mehr Güte!

 

Vermögen Sie das nicht, können Sie flüchten, wohin Sie wollen, das eigene Ich holt sie immer wieder ein!

 

 

 

Samstag, den 2.05.2009

 

 

Es ist Samstag und ich bin schon früh mit Kimi unterwegs, die es kaum erwarten kann, unser erst gestern geborenes Fohlen zu sehen.

Unser Weg führt durch einen Sandweg inmitten der Puszta, vorbei an Ziehbrunnen und Wiesen, bedeckt von roten Mohnblumen, in allen Farben des Frühlings leuchtend.

Als unser Wagen die Koppel erreicht, heben die anderen Pferde ihre Köpfe, wohl wissend, dass nun eine Handvoll Möhren die Begrüßung sein wird und so laufen sie freudig nebenher, dem Eingang der Koppel entgegen. Doch wir fahren direkt zum Stall, denn Kimi ist nicht davon abzuhalten, sofort zu Linda und ihrem Fohlen zu gehen.

Das Kreischen der Schwalben, die die Nester des Stalles schon vor dem Fohlen erobert hatten, weist uns den Weg.

Linda, die Mutterstute, blickt uns an, wendet den Kopf, als wollte sie sagen: „ schaut hin, da ist mein Sohn und ich liebe ihn!“

Und da steht er, groß und kräftig neben der Mutter, ständig nach Nahrung suchend und dazwischen lustig umher springend.

Ich streichele Linda und bedanke mich bei ihr für das wunderbare Geschenk, doch sie nimmt sich diesmal nicht die Zeit, meine kosenden Hände zu genießen, zu groß ist ihre Verantwortung für den Kleinen.

Kimi hat sich auf einen Hocker gestellt, um den Kleinen streicheln zu können, ihre kleinen Hände fassen durch das Gitter, immer bereit, das Glück berühren zu können.

Ich stehe etwas abseits, stopfe mir eine Pfeife, natürlich nicht, ohne vorher Linda daran schnuppern zu lassen, denn diesen Duft nach Vanille mag sie besonders.

Als ich dieses Bild in mich aufnehme und das perfekt und schon fast vollendet entwickelte Fohlen betrachte, kommt mir in den Sinn, dass wir Menschen, verglichen mit den höheren Säugetieren, eigentlich ein Jahr zu früh geboren werden, viel zu früh, genauer; ein Jahr zu früh.

Moses, so soll Linda Baby heißen, richtete sich, kaum geboren behände auf und lief der Mutter entgegen, auch Enten kriechen aus dem Ei und watscheln weg und aus Bücher ist mir bekannt, dass selbst ein sechs Meter langes Blauwalbaby sofort zu schwimmen beginnt.

Auf unsere Menschenkinder übertragen müsste dies heißen: Es müsste vom ersten Tag an laufen können, wenigstens über die Sprache in den Anfängen verfügen, seine Gehirnmasse müsste viel größer sein, nicht nur vierhundert Gramm, wie es der Fall ist, sondern vielleicht gar doppelt so viel! Menschen brauch halt länger, dafür verdreifacht, bis vervierfacht es seine Gehirnmasse im Laufe eines Jahres, denn erst zum Ende des ersten Lebensjahres verfügen sie über die Möglichkeiten, die ein Fohlen schon vom ersten Tag an hat.

Meine Gedanken schweifen ab und ich erinnere an das hilflose kleine Bündel, das ich in den Armen hielt, als meine Tochter geboren wurde.

Schnell werden sie erwachsen, unsere Kinder und heute, da ich einer älteren Generation angehöre, hätte ich Jenny andere Wünsche für das Leben mitgegeben, als ich es damals, noch im Rausch der Jugend tat.

Was also würde ich wünschen? Vor allem dies, dass Du immer die richtigen Wünsche hast, denn Wünsche verführen, lenken vom Weg ab, reißen hoch, ziehen runter.

Wünsche Dir immer das Wesentliche. Also wünsche Dir immer das herrliche Gefühl, wenn du mit der Sonne taufrisch aufwachst und den Tag in den Händen hältst wie eine goldenen Kugel: voller Zeit, Möglichkeiten, Begegnungen, Blicke, Gespräche, Träume. Wünsche dir keinen Titel, der Dich hineinpresst in „ du musst, Du sollst, Du hast, Du bist, Du darfst nicht“.

Aber wünsche Dir, dass die Türen aufgehen, wenn Du kommst, weil die Menschen Dich mögen. Wünsche Dir nicht, dass es morgen schön wird, wenn Du darüber vergisst, was Du heute möglich machen kannst!

 

Als zweites wünsche ich Dir Glück. Es gibt so viele Menschen, die redlich sind, ehrlich, fleißig, zuverlässig, gründlich, betriebsam- aber die glücklos sind. Ihr Leben ist ein einziger Novembertag, der Himmel stößt nirgends an die Erde, es gibt keinen Horizont, keinen Sonnenstrahl, der aus hoch getürmten Wolken fällt- nur graues Einerlei, Alltag. Das also wünsche ich Dir vor allem- und ich wünsche es Dir, weil du es nie erzwingen kannst: Glück!

 

Dann: die Fähigkeit zu genießen- und mit dem Genuss fertig zu werden.

Der Augenblick des höchsten Genusses liegt da, wo ihn die meisten Menschen nicht vermuten. Nicht die Torte ist es, die den Genuss bietet, sondern der Moment, in dem dem das Mädchen mit der weißen Haube das Stück abschneidet und es würdevoll zu Dir trägt.

 

Ich wünsche Dir Gelassenheit- nicht Lässigkeit. Also die Fähigkeit, abwarten zu können, bis die Dinge reifen, denn grüne Äpfel schmecken nicht.

 

Ich wünsche Dir, dass Du Dich selbst annimmst. Dass Du also guter Freund wirst mit dem, der Dir aus dem Spiegel entgegentritt, denn Du kannst anderen Menschen nichts sein, wenn Du Dir selbst nichts bist.

Und was diese anderen Menschen betrifft: Sie sind wie Du auf der Welt, ohne dass sie gefragt wurden, und sie müssen diese Welt wie Du durchstehen, und sie haben alle, so glanzvoll ihr Leben auch sein mag, irgendwo Not, Schmerz, Angst, Plage. Wenn Du das weißt, wirst Du vieles verstehen, was Menschenwerk ist und was eigentlich nicht zu verstehen ist.

Nur wenn Du die Menschen aus diesem tiefen Wissen heraus verstehst, wirst Di ihnen das entgegenbringen, was sie brauchen, wie vielleicht nichts sonst: Duldsamkeit. Dies ist die Fähigkeit, die Du schulen musst, wenn sie Dir nicht mitgegeben wurde.

War es viel? Vielleicht  war es zu viel. Du wirst die Wünsche brauchen, der Lebensweg ist lang, wie es anfangs scheint- dann schwerer, wer weiß das nicht?- dann leicht: auch das kommt vor! – dann himmelstürmend: so schön kann die Welt sein- dann böse: hab ich das verdient? – dann milde und unsagbar verwöhnend – auch hier die Frage: hab ich das verdient? – dann geht der Weg schnurgerade, dann zickzack, in jeder Kurve lauert Gefahr….

Und immer wieder kehrst Du ein auf Deinem Weg, so ist das Leben!

 

Die Glut der Pfeife ist niedergebrannt und ich spüre Kimis Hand in der meinen und höre ihre Stimme fragen: Hast Du Moses auch so lieb, wie ich ?

 

 

 

Dienstag, 21. April 2009

 

 

Es gibt Geschenke, die man im Leben nie mehr vergisst!

 

Im Alter von 6 Jahren beschlossen meine Eltern dem Drängen des Arztes nachzugeben und mir die Rachenmandeln entfernen zu lassen. Ich werde den tag nie vergessen, als mich das backsteinfarbige Krankenhaus in sich verschlang und sich mir eine andere Welt erschloss, fernab vom behüteten Zuhause, was mich unendlich traurig stimmte.

Noch heute spüre ich das Brennen der herunter gekämpften Tränen in meinen Augen, als mich meine Eltern der Schwester übergaben.

„ Wenn du tapfer bist, bekommst du ein schönes Geschenk von uns“, sagte meine Mutter zum Abschied.

Allein im Zimmer war ich so verzweifelt, dass ich meinen Tränen freien Lauf ließ. Auch auf die Gefahr hin, dass der Hinweis meines Vaters: „ Männer weinen nicht!“ nun die weitere Entwicklung des Mannes in mir in Frage stellen würde, konnte ich meine feuchten Augen nicht unterbinden.

Als ich, zwei Tage später , damals wurde nur örtlich betäubt, den Eingriff tapfer überstanden hatte legte mir meine Mutter einen kleinen Teddybär in die Arme, den ich noch heute besitze und ehre.

Wie überhaupt kann man etwas Gutes tun?

Wir kennen die Berichte aus den Zeitungen und Illustrierten: Irgendwo hat ein Millionär eine Spende, eine Stiftung gemacht- es wird verbreitet, doch jeder weiß, es handelt sich hier um Public Relations, um Persönlichkeits- oder Firmenreklame. Da wird ein Geldbetrag Steuer mindernd umgeleitet,- da geschieht nichts, was menschlich, oder moralisch von Belang wäre!

Es ist, als würde eine Welle abgeleitet, um sich eine Weile eigens für das Spielen von Kindern am Strand zu verlaufen. Seit Kindertagen hat man uns beigebracht, zwischen gut und böse zu unterscheiden, man hat uns gelehrt, die Schokolade mit den Geschwistern zu teilen und dafür Anerkennung zu bekommen. Wir betrachten uns zuweilen wie in einem Spiegel. Wir klopfen uns unsichtbar selbst auf die Schulter und das, was wir tun, dient eigentlich nicht wirklich dem Anderen, sondern weit mehr der eigenen Selbstbestätigung und dem Selbstgenuß!

Das Gute, das wahre Gute kann sich nur ereignen, wenn man sich nicht bewusst vornimmt, gut zu sein, wenn man es nicht zum Ziel erklärt. Das Gute entsteht auf dem Rücken der Handlung sozusagen , nebenbei und unabsichtlich. Wenn ich etwas Gutes tun will, um ein guter Mensch zu sein, bin ich am Ende ein eingebildeter religiöser Pinsel- und wem sollte das nützen?

Die „Belohnung“ für etwas Gutes, das getan ward, liegt in dem Tun selbst!

Sie kommt nicht als Prämie hinten dran. Mit der Gabe müssen wir uns selber hingeben!

Es strömt in einem solchen Augenblick so viel zurück, weil wir plötzlich etwas von dem großen Zusammenhang begreifen, in den wir eintauchen, wenn wir die Wände unseres eigenen Ichs nach draußen öffnen.

Dieses Gefühl kommt dem wundervollen Klang einer Harfe gleich, deren Töne sich im Raum verschwingen.

 

So danke ich an dieser Stelle den Männern und Frauen , die Spielzeug, Bekleidung und Geld für uns sammeln, denn es sind Menschen, die oftmals auch jeden Pfennig aufgrund der Wirtschaftskrise umdrehen müssen und Sachwerte abgeben, die sie eigentlich selbst noch nutzen könnten. Gott wird es Ihnen danken mit dem beglückten Lächeln der Beschenkten!

 

Der bengalische Dichter Tagore schrieb:

 

„ Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, Kind, verstehe ich erst, warum auf Wolken und Wasserflächen ein Spiel von Farben tanzt

Und warum Blumen in vielen Tönen leuchten, wenn ich dir buntes Spielzeug gebe, Du, mein Kind!

 

 

 

 

 

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